Selbstdarstellung

Warum ›Bibliothek der Freien‹?

Die Berliner Freien 1841

Die Freien
Die Zeichnung der Berliner Freien wurde angefertigt von F. Engels

Mit unserem Bibliotheksnamen lehnen wir uns an den Kreis der Berliner Freien an, der vor gut 180 Jahren, in der Zeit des deutschen Vormärz, als Brennpunkt radikal-freiheitlichen Oppositionsgeistes auch weit über die Stadtgrenzen hinaus Berühmtheit erlangte.

Die bevorzugten Treffpunkte dieses lockeren politischen Debattierklubs befanden sich im Zentrum des alten Berlin, also nicht weit vom heutigen Standort unserer Bibliothek entfernt. Vorzugsweise der Rote Salon des Café Stehely am Gendarmenmarkt und die Hippelschen Weinstuben in der Friedrichstraße wurden von den Freien frequentiert. Hier versammelten sich in den Jahren von 1840 bis 1849 allabendlich Männer und Frauen aus jener unruhig-kritischen und respektlosen Generation, die im Deutschland der 1830er Jahre herangewachsen war.

Hintergrund und Nährboden der ausufernden Debatten und hitzigen Auseinandersetzungen waren unter anderem die Ideen der Französischen Revolution von 1789 und besonders der sog. Linkshegelianismus, der in diesen Jahren das philosophische Terrain darstellte, auf dem die radikalen Denker jener Zeit ihre Waffen gegen die Autorität in Staat und Kirche schmiedeten.

Die bedeutendsten Linkshegelianer gingen bei den Berliner Freien ein und aus. Die Gebrüder Bruno und Edgar Bauer waren dort ständige Gäste, ebenso der Anarchist Max Stirner oder Friedrich Engels in seinen Berliner Jahren. Fortschrittliche Publizisten, oppositionelle Dichter und Studenten, kritische Köpfe aller Couleur gaben sich hier ein Stelldichein. Auch für emanzipierte Frauen wie z.B. Karoline Sommerbrodt, Louise Aston oder Marie Dähnhardt besaß der Kreis der Freien Anziehungskraft. Gleichberechtigt nahmen sie ihren Platz an der fröhlichen Tafelrunde ein. Getragen wurden die oft happeningartigen Zusammenkünfte von einem freimütigen Klima antiautoritärer Geselligkeit.

Wenn auch nur ein knappes Jahrzehnt im Brennpunkt der Öffentlichkeit stehend, markieren die Berliner Freien doch eine jener radikal-freiheitlichen Traditionslinien, an denen die politische Kultur in Deutschland leider so arm ist. So schien es uns sinnvoll, mit dem Namen Bibliothek der Freien ganz bewußt einen historisch-lokalpolitischen Bezug herzustellen; auch im Interesse eines libertären Regionalismus, der sich freiheitlichen Traditionen vor Ort verbunden fühlt und an diese anzuknüpfen sucht.

Artikel über die Bibliothek der Freien

Unter dem Pflaster liegt der Strand: Die »Bibliothek der Freien« hält anarchistisches Schriftgut bereit – von Konstanze Schmitt | Quelle: Scheinschlag. Berliner Stadtzeitung, Nr. 8, 2005

Das Vermächtnis der »Freien« – 160 Jahre Geschichte des Anarchismus in Berlin – von Gianluca Falanga

Fontane nannte sie die »Bande« oder die »Sieben Weisen aus dem Hippelschen Keller«. Selbst nannten sie sich die »Freien« Vor etwa 160 Jahren, in der Zeit des deutschen Vormärz, trafen sich Angehörige einer unruhigen, respektlosen Generation – unter ihnen Bruno Bauer, Max Stirner und Marie Dähnhardt – im Herzen des alten Berlins, um über Autorität und Emanzipation zu debattieren. An das freimütige Klima antiautoritärer Geselligkeit, das ihren Zusammenkünften eigen war, und an die von ihnen geprägte Tradition radikal-freiheitlichen Denkens knüpft seit 1993 die »Bibliothek der Freien« im Haus der Demokratie in Berlin-Prenzlauer Berg an. In ihren Beständen, die über 100 Jahre Geschichte des internationalen Anarchismus dokumentieren, findet auch die lokale freiheitliche Tradition – die Geschichte des Berliner Anarchismus – ihren würdigen Platz.

Anarchismus ist, entgegen allen Vorurteilen, kein Synonym für Terror oder Unordnung und auch keine Erfindung von »Chaoten« aus den 1970er Jahren. Schon 1876 drangen die ersten anarchistischen Ideen in die deutsche Arbeiterschaft ein. Noch mehr als jeder Emanzipationsdrang verlieh allerdings die Repressionshysterie des jungen deutschen Nationalstaates der anarchistischen Bewegung in Deutschland Schwung: »Je ruppiger der Staat auftritt, desto verhasster wird die Staatsidee«, formulierte um 1880 der Anarchist Johann Most diesen Zusammenhang. Nach Aufhebung des Bismarckschen Sozialistengesetzes (1878-1890) verlagerte sich das Organisationszentrum der Bewegung von England, wo Exilorganisationen entstanden waren, nach Berlin. Doch in der Reichshauptstadt kulminierte auch die staatliche Repression. Im Berliner Polizeipräsidium am Alexanderplatz wurde 1898 eine Nachrichtensammelstelle für alle deutschen Länder errichtet. Dort führte man bis 1917 das berüchtigte »Anarchisten-Album«, eine sorgfältig geführte und bebilderte Liste aller deutschen und sich im Reich aufhaltenden ausländischen Anarchisten zum Zwecke ihrer lückenlosen Überwachung. Trotz Versammlungsverboten, Hausdurchsuchungen und anderen polizeilichen Repressalien existierten in Berlin um 1900 zahlreiche anarchistische Vereinigungen. Mittelpunkt der Berliner Bewegung bildeten ihre Zeitungen, unter denen der von Gustav Landauer redigierte »Sozialist« hervorragte, gedruckt in Nachtschichten in einem Hinterhof in der Kreuzberger Wrangelstraße 135.

Kerker und Verfolgung waren nicht die einzigen traditionellen Gegner des Anarchismus. Nach dem Ersten Weltkrieg versuchte sich der radikalisierte Marxismus der 1919 gegründeten KPD als Alternative zur Sozialdemokratie zu profilieren. Der Spielraum der sich als »freiheitliche Sozialisten« verstehenden Anarchisten wurde somit, bedrängt sowohl von der staatstragenden SPD als auch von der moskauorientierten KPD, nochmals enger. Dennoch erlebte Anfang der 1920er Jahre die Bewegung des klassenkämpferischen »Anarcho-Syndikalismus« eine erste Blüte, dessen Organ »Der Syndikalist« im Jahre 1920 mit einer Spitzenauflage von 120.000 Exemplaren erschien, mehr als jemals zuvor eine Zeitschrift des »herrschaftslosen Sozialismus« in Deutschland erreicht hatte. Die anarchistischen Ideen waren aber nicht nur bei Arbeitern von Einfluß, sie inspirierten seit der Jahrhundertwende bis in die Jahre der Weimarer Republik auch das Berliner Künstlermilieu, für das zum Beispiel Erich Mühsam steht, Dichter und Herausgeber der Zeitschrift »Fanal«, der 1934 im KZ Oranienburg ermordet wurde. Der Kampf der Anarchisten gegen Hitler wird selten gewürdigt: Von allen politischen Strömungen der Weimarer Republik gingen aus der anarchistischen Bewegung prozentual am meisten Aktive in den aktiven antifaschistischen Widerstand. Im Kalten Krieg hatten es antistaatliche und freiheitliche Ideen im besetzten und geteilten Deutschland besonders schwer. Die 1947 ohne Zulassung der Alliierten gegründete »Föderation Freiheitlicher Sozialisten« hatte in West-Berlin eine ihrer Hochburgen. In der DDR wurden Anarchisten von der SED-Justiz mit äußerster Härte verfolgt. Erst durch die außerparlamentarische Opposition in West-Berlin fand der Berliner Anarchismus neue Kraft. 1977 wurde die Freie ArbeiterInnen Union (FAU), in Anknüpfung an die anarcho-syndikalistische Gewerkschaftsunion FAUD der zwanziger Jahre, erneut gegründet. Sie besteht bis heute.

Anarchistische Geschichte vergegenwärtigen und libertäres Gedankengut lebendig halten ist die doppelte Aufgabe, die sich die Bibliothek der Freien gestellt hat und die sie zu einem besonderen Anlaufpunkt für alle libertär Interessierten Berlins und Deutschlands macht. Indem sie anarchistische Publikationen und Archivalien aus allen Zeiten und in vielen Sprachen der Öffentlichkeit zugänglich macht, trägt sie zur Kenntnis anarchistischer Ideen bei, »deren Relevanz und Aktualität« – so ihre Mitglieder – »gerade in Deutschland noch immer unterschätzt wird.« Sind anarchistische Ansätze – Herrschaftslosigkeit, Selbstorganisation, Basisdemokratie – heute noch brauchbar? In Anlehnung an die einstigen Berliner Freien sehen die »neuen« Freien gerade in diesen Ansätzen wertvolle Schlüssel für individuelle Emanzipation, soziale Gerechtigkeit und eine bessere Lebensqualität.