Das Logo der Bibliotek der Freien Engel u. Teufel

Rückblick auf die Veranstaltungen der Bibliothek der Freien im Jahr 2014

10. Januar 2014
Marinus van der Lubbe (1909-1934)

Marinus van der Lubbe (1909-1934) – eine Erinnerung jenseits von roten und braunen Denunziationen

Buchvorstellung

Ausgehend von ›Marinus von der Lubbe und der Reichstagsbrand. Das Rotbuch‹ (Edition Nautilus) wird der Lebensweg des holländischen Rätekommunisten nachgezeichnet, seine Abwendung vom Stalinismus, aber auch seine Fehleinschätzung der Lage in Deutschland. Während der Haft gehörte er zu den am meisten diffamierten Nazi-Gegnern – auch SPD und KPD diente er als Sündenbock, um das eigene Versagen zu kaschieren. Der Justiz-Mord an ihm jährt sich am 10. Januar zum 80. Mal, das zugrunde liegende Urteil wurde erst im Jahre 2010 aufgehoben (Vortrag mit Diskussion)

Marinus von der Lubbe und der Reichstagsbrand. Das Rotbuch. Aus dem Niederländischen übersetzt und herausgegeben von Josh van Soer. Aktualisierte Neuauflage. Edition Nautilus, Hamburg 2013. 192 S., 16.90 EUR, ISBN 978-3-89401-776-7

31. Januar 2014
Wenn das Land zur Ware wird

Wenn das Land zur Ware wird

Die Zerstörung der indigenen Selbstorganisation und ihrer Lebensgrundlagen in Südmexiko – ein Dokumentarfilm

Das Filmprojekt ›Wenn das Land zur Ware wird‹ (Vertrieb: Zwischenzeit) behandelt die Bedrohung der indigenen Gemeinden in Südmexiko durch Monokulturen, Infrastrukturausbau, Tourismusprojekte und Repression. Die kleinbäuerlichen Dorfgemeinschaften funktionieren bis heute auf der Basis von traditioneller Versammlungskultur, Selbstorganisation, Gemeinschaftsarbeit und Subsistenzwirtschaft zur Grundversorgung mit Nahrungsmitteln. Das Land, das in der Weltsicht der indigenen Bevölkerungsgruppen als ›Mutter Erde‹ verstanden wird, gerät jedoch zunehmend ins Visier von Politik und Wirtschaft: Die Gemeindeländereien werden zunehmend in eine Ware verwandelt – in aller Regel ohne die betroffenen Menschen zuvor überhaupt zu informieren.

Neben dem friedlichen Widerstand der betroffenen Bevölkerungsgruppen, die für ein selbstbestimmtes Leben kämpfen, thematisiert das Projekt auch die Verbindungslinien zu urbanen Regionen im Norden, denn die Nachfrage nach Palmfett, Biosprit und komfortabel-exotischem Tourismus wächst weiterhin. (Teil 3 unserer Reihe über den Jahrestag der zapatistische Revolte von 1994, Filmvorführung und Diskussion)

Trailer zum Film

28. Februar 2014
Albert Camus (1913-1960)

»Ich revoltiere, also sind wir«

Albert Camus und der Anarchismus

Häufig wissen nur Insider: Albert Camus (1913-1960) war ein unbestechlicher libertärer Denker. »Die Macht macht denjenigen verrückt, der sie besitzt«, konstatierte der Autor von Klassikern wie ›Der Fremde‹, ›Die Pest‹ oder ›Der Mensch in der Revolte‹ Gerade in Deutschland werden seine vielfältigen Beziehungen zur anarchistischen und revolutionär-syndikalistischen Bewegung oft unterschlagen. Die Hälfte des Preisgeldes, das er für den Literatur-Nobelpreis 1957 erhielt, spendete er anarchosyndikalistischen Flüchtlingen aus Spanien, die in Frankreich Schutz vor der Franco-Diktatur gesucht hatten. Die Neuerscheinung ›Camus – Libertäre Schriften‹ dokumentiert seine Kontakte in anarchistischen Milieus und seine Mitarbeit an libertären Zeitschriften. (Buchvorstellung mit Diskussion)

Albert Camus: Libertäre Schriften (1948-1960). Hrsg. von Lou Marin. Laika-Verlag, Hamburg 2013. 384 S., 24.90 EUR, ISBN: 978-3-942281-56-0

Volin: Die unbekannte Revolution
14. März 2014

Volin: Die unbekannte Revolution

Anarchismus und Marxismus in der Russischen Revolution – Vorstellung einer Neuerscheinung

Das mit der Oktoberrevolution 1917 begonnene Revolutions-Experiment der Bolschewiki war nur machtpolitisch erfolgreich: Die rote Diktatur konnte sich dank eines ungeheuren Repressionsapparats an der Macht festsetzen, während das Emanzipationsversprechen der Revolution abgewürgt wurde. Um die Ursachen für das Scheitern der Bolschewiki zu begreifen, ist Volins Buch ›Die unbekannte Revolution‹ noch immer eine unverzichtbare Quelle. Volin als Zeitzeuge, Anarchist und Revolutionär der ersten Stunde analysiert die Vorgeschichte und den Ablauf der Russischen Revolution, widerlegt mittels Dokumenten bis heute verbreitete Mythen über den Aufstand von Kronstadt und öffnet den Blick für die kaum bekannten Bauernkämpfe in der Ukraine. Sein Grundlagenwerk liefert eine Geschichte der Revolution aus dem ›Gedächtnis der Besiegten‹ und macht eines begreifbar: Nicht erst der Stalinismus, sondern schon Bolschewismus, Leninismus und andere marxistische Revolutionskonzepte stellen eine existenzielle Bedrohung für sozial-emanzipatorische Revolutionsbewegungen dar. (Buchvorstellung mit Diskussion)

Volin: Die unbekannte Revolution. Die Buchmacherei, Berlin 2013. 671 S., 23.50 EUR, ISBN 978-3-00-043057-2

28. März 2014
Lucien van der Walt und Michael Schmidt: Schwarze Flamme

Schwarze Flamme – Revolutionäre Klassenpolitik im Anarchismus und Syndikalismus

Vorstellung einer Neuerscheinung

›Schwarze Flamme‹ ist eine Geschichte der Gegenmacht. Lucien van der Walt und Michael Schmidt entwerfen eine umfassende Systematik und internationale Geschichte des Anarchismus und setzen sich mit Kernfragen wie Organisierung und Strategie auseinander. Der Übersetzer Andreas Förster präsentiert das im Herbst 2013 auf Deutsch erschienene Buch und stellt dessen Hauptthesen zur Diskussion.

Lucien van der Walt und Michael Schmidt: Schwarze Flamme. Revolutionäre Klassenpolitik im Anarchismus und Syndikalismus. Aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Andreas Förster und Holger Marcks. Edition Nautilus, Hamburg 2013, 560 S., 39.90 EUR, ISBN 978-3-89401-783-5

4. April 2014

Vantiê Clínio Carvalho de Oliveira:
Anarchistische Protestbewegungen in Brasilien

Vortrag in portugiesischer Sprache mit englischer Übersetzung

Die Protestwelle, die Brasilien gerade durchzogen hat, ist vor zehn Jahren aus Demonstrationen gegen ein Gesetz über Fahrpreiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr entstanden. Im Jahre 2005 entwickelte sich hieraus die Bewegung zur Einführung des Nulltarifs (Movimento Passe Livre – MPL), die noch überwiegend von jungen StudentInnen getragen wurde. Die anarchistischen Wurzeln der Bewegung sind klar an ihren Aktionsformen und Organisationsmethoden erkennbar: Entscheidungen werden nicht hierarchisch getroffen, sondern auf Vollversammlungen; die direkte Aktion ermöglicht die Teilhabe aller Interessierten zugunsten ihrer eigenen Interessen ohne autoritäre Vermittlung von Institutionen und deren Vertretern. Ein weiterer charakteristischer Aspekt ist der Widerstand gegen jeden Versuch einer Einmischung von Seiten politischer Parteien. Auf diese Weise versucht die Bewegung eine Art freies Spiel der Kräfte zu initiieren, bei dem alle teilnehmen können und für Fraktionen oder Führer mit ihren Anhängern keine Vorrechte gelten. Der Referent, der Studien zum Anarcho-Punk und zur Geschichte des Anarchismus in Brasilien veröffentlicht hat, gibt einen Überblick über Geschichte und Gegenwart der anarchistischen Protestbewegung und versucht einen Ausblick in die Zukunft.

19. April 2014
Filmkollektiv KoLibrI: Somos viento - Grüne Grossprojekte und indigener Widerstand in Oaxaca (Chiapas). Ein Dokumentarfilm

Filmkollektiv KoLibrI: Somos viento

Grüne Grossprojekte und indigener Widerstand in Oaxaca (Chiapas) – ein Dokumentarfilm

Zahlreiche Grossprojekte werden im südmexikanischen Oaxaca mit Beteiligung europäischer Firmen vorangetrieben, darunter Windenergieparks, Staudämme, Bergbauprojekte. Viele dieser Projekte werden als grüne Entwicklung verkauft, während sie in Wirklichkeit massive soziale und ökologische Auswirkungen auf die lokale indigene Bevölkerung haben.

Im Konflikt um den Windpark am Isthmus von Tehuantepec spitzt sich im Jahre 2012 die Situation zu: Mehrere Gemeinden verschiedener indigener Völker vereinen sich im Widerstand gegen dieses Megaprojekt. Der Dokumentarfilm zeigt die Widersprüche des vermeintlichen Entwicklungsprojekts und gibt den betroffenen BewohnerInnen das Wort, die in den Massenmedien totgeschwiegen werden. Gleichzeitig wird der Diskurs der »grünen Energie« und der »nachhaltigen Entwicklung« kritisch hinterfragt, um die Logik und Funktionsweise der Megaprojekte im Kontext des globalen Kapitalismus aufzuzeigen. (Filmvorführung und Diskussion)

9. Mai 2014

›A las Barricadas‹

Die Gruppe ›Deutsche Anarchosyndikalisten‹ in der spanischen Revolution

Anarchistische Flüchtlinge aus Deutschland schlossen sich Mitte der 1930er Jahre in Spanien zur Gruppe DAS (Deutsche Anarchosyndikalisten) zusammen. Nach dem 19. Juli 1936 kämpften sie inmitten von Revolution und Bürgerkrieg an der Seite ihrer spanischen GenossInnen und griffen die Infrastuktur der NS- Auslandsorganisationen an. Beim Sturm auf den ›Deutschen Klub‹ erbeutete die Gruppe DAS Dokumente, die sie im ›Schwarzrotbuch. Dokumente über den Hitlerimperialismus‹ (Barcelona 1937) veröffentlichten, das weitverzweigte NS-Aktivitäten in Spanien enthüllte. Im Zuge der Maiereignisse 1937 wurde die Gruppe DAS wie alle anderen anarchistischen Organisationen in Spanien vom kommunistischen Machtapparat kaltgestellt, wodurch der Mythos der antifaschistischen Aktionseinheit endgültig zerbrach.

Im Anschluss an die Buchvorstellung wird der Film ›A las Barricadas‹ gezeigt, in dem der Wuppertaler Anarchosyndikalist Helmut Kirschey (ehem. Milizionär der anarchistischen Kolonne Durruti) 1989 auf eine Erinnerungsfahrt nach Spanien begleitet wird. Dort werden an den Originalschauplätzen die historischen Ereignisse lebendig nachvollziehbar. (Vortrag mit Filmvorführung und Diskussion)

Dieter Nelles, Ulrich Linse, Harald Piotrowski, Carlos García: Deutsche AntifaschistInnen in Barcelona (1933-1939). Die Gruppe ›Deutsche Anarchosyndikalisten‹ (DAS). Verlag Graswurzelrevolution, Freiburg 2013. 425 S., 24.90 EUR, ISBN 978-3-939045-22-9
Buch des Jahres 2013 der Bibliothek der Freien

16. Mai 2014

Karin Kramer (1939–2014)

Der Karin Kramer Verlag ist der traditionsreichste Verlag des deutschsprachigen Anarchismus. Sein ›Geheimnis‹ ist die einzigartige Kombination zweier Verlegerpersönlichkeiten: Während ihr Mann Bernd oft als Ideengeber wirkte, war Karin Kramer diejenige, die alles zusammenhielt und die immer wieder den Verlag um die harten Klippen des Überlebens navigiert hat. Sie besorgte das Geld, hielt die Finanzen zusammen und hat schweren Zeiten standgehalten, wenn der Verlag fast am Ende war. Dass es den Verlag bis heute gibt, ist ihrem großen Geschick zu danken. Die Bibliothek der Freien erinnert an eine politisch aktive Verlegerin und Anarchistin, die uns über Jahrzehnte freundschaftlich verbunden war.


Karin Kramer, 2. November 2012 (Foto: P. Ahner)

Erich Mühsam
10. Juli 2014

Anarchismus als Lebensimpuls Erich Mühsams

Veranstaltungsabend zum 80. Todestag Mühsams in Zusammenarbeit mit der Erich-Mühsam-Gesellschaft (Lübeck) und der Stiftung Haus der Demokratie

Bezugnahmen auf Mühsam sind oft recht eigenwillig: Manche stellen ihn etwa als Bohemien und Literaten dar und übersehen dabei seine sozialrevolutionäre Haltung. Andere sehen in ihm vor allem den Aktivisten der Roten Hilfe usw. und ignorieren seine gepfefferte Austrittserklärung aus der Organisation unter Hinweis auf die politischen Gefangenen in Sowjet-Russland. Detailstudien zu Leben und Werk fördern demgegenüber einen anderen konstanten Lebensimpuls Mühsams zu Tage: seinen Anarchismus.

Der unverkürzte Mühsam wird unter anderem in seiner lebenslangen journalistischen Arbeit erkennbar. Im Vortrag von Michael Volk wird deutlich, dass sich von Mühsams Mitarbeit an ›Der arme Teufel‹ (seine Lehrzeit als junger Redakteur), über die Herausgabe der Zeitschriften ›Kain‹ und ›Fanal‹ gegen alle Widerstände, Zensur und Verbot, bis zu seinen tagespolitischen Gedichten in der Zeitung ›Welt am Montag‹ ab 1925, ein schwarzer anarchistischer Faden zieht.

Im Anschluss treten Klaus Hugler und Isabel Neuenfeldt (Akkordeon und Gesang) mit ihrem Programm ›Sich fügen heißt lügen!‹ Ein Requiem für Erich Mühsam auf, in dem sein Leben, Werk und Vermächtnis mit Vortrag und Musik illustriert wird.

1. August 2014
GartenCoop Freiburg GartenCoop Freiburg

Die Strategie der krummen Gurken

Dokumentarfilm über die GartenCoop Freiburg

Die GartenCoop Freiburg setzt ein erfolgreiches Modell solidarischer Landwirtschaft um. Rund 260 Mitglieder teilen sich die Verantwortung für einen landwirtschaftlichen Betrieb in Stadtnähe und tragen gemeinsam die Kosten und Risiken der Landwirtschaft. Die gesamte Ernte – ob gut oder schlecht, krumm oder gerade – wird auf alle Mitglieder verteilt. Ein konsequenter ökologischer Anbau, Saisonalität, 100% samenfeste Sorten, kurze Wege, solidarische Ökonomie, kollektives Eigentum, Bildung, sowie mit anpacken in der Landwirtschaft sind nur einige der vielen Merkmale des Projekts. Der Dokumentarfilm (Vertrieb: Cine Rebelde) gibt Einblick in die Motivationen und das Innenleben der Kooperative. Er zeigt Menschen, die in Zeiten ökonomischer und ökologischer Krise der Macht der Agrarindustrie etwas entgegensetzen. (Filmvorführung und Diskussion)

5. September 2014

Jan Rolletschek: Gustav Landauers Stellung zum Ersten Weltkrieg, aus seinen Publikationen und Korrespondenzen

Den Weltkrieg vorherzusehen, den das deutsche Kaiserreich im Sommer 1914 entfesselte und der die Staatsnation erstmals zur ›Volksgemeinschaft‹ zusammenschweißen sollte, war seinerzeit keine große Kunst. Seit Mitte der 1890er Jahre steuerte das Reich mit gesteigertem Tempo auf ihn zu, und schon lange war die Frage nur noch wann, nicht ob er ausbrechen würde. Landauer erahnte das ungeheure Ausmaß dieses Krieges; er hatte auch keinen Grund, sich über die Kriegsbereitschaft der SPD zu verwundern, noch über die Revolution an seinem Ende oder über ihr Scheitern. All das stand ihm lange zuvor deutlich drohend vor Augen. Wie er sich angesichts dieser Drohungen, wie er sich während des Krieges und bei dessen Zusammenbrechen verhielt, seine Analyse und was er tat, um diesen Krieg dennoch zu verhindern, soll anhand seiner Publikationen und Korrespondenzen (Mühsam, Mauthner, Buber) rekonstruiert werden. (Vortrag und Diskussion)

19. September 2014

Bettina Volk: Vergessener Kampf, stiller Untergang

Die Sami in Schweden

Die Bergbaugesellschaft Beowulf Mining hat 2012 von der schwedischen Regierung die Erlaubnis für Probebohrungen in Jokkmokk (Lappland) erhalten; geplant ist, neue Erzvorkommen zu erschließen und durch Tagebau 600 Mio Tonnen Eisenerz aus der Erde zu sprengen. Die Region ist jedoch nicht unbewohnt: Zur Gemeinde Jokkmokk (ca. 18.000 km²), dem Zentrum der samischen Kultur in Schweden, gehören mehrere Samidörfer, die von der Rentierzucht leben und deren Weidegründe durch den Tagebau zerstört werden. Das gigantische Bergbauprojekt bedroht die Lebensgrundlagen der Sami und zugleich ein einmaliges Ökosystem: die Region Laponia, die 1996 in die UNESCO-Weltkulturerbeliste eingetragen wurde, mehrere Nationalparks und riesige Areale von intaktem arktischem Urwald. Die Konsequenzen sind: Eines der empfindlichsten Ökosysteme der Welt wird unwiederbringlich zerstört und eines der letzten indigenen Völker Europas geht unter. Lobbyisten und Regierungspolitiker verweisen demgegenüber zynisch auf die Schaffung von Arbeitsplätzen und auch die schwedische Mehrheitsgesellschaft steht dem Überlebenskampf der Sami weitgehend desinteressiert gegenüber. (Vortrag, Film und Diskussion)

Filme zum Thema: The Gállok Rebellion (engl., 31:50 min), Kurzfilm (dt. Text, 6:31 min)

3. Oktober 2014

Die ›104. Kompanie der Syndikalisten‹ im Warschauer Aufstand

Der Warschauer Aufstand im Jahre 1944 war die größte geschlossene Erhebung gegen die Truppen Nazi-Deutschlands während des Zweiten Weltkriegs. Die polnische syndikalistische Bewegung spielte im Widerstand gegen die deutsche Besatzung von Beginn an eine wichtige Rolle. Unter dem Namen »104. Kompanie« wurde eine syndikalistische Kampfformation gebildet, die zu den am besten motivierten und ausgerüsteten Einheiten des Warschauer Aufstands gehörten. Parallel organisierten ihre Mitglieder Suppenküchen für die Zivilbevölkerung und gaben die Zeitung ›Syndykalista‹ heraus; sie weigerten sich, unter der polnischen Nationalfahne zu kämpfen, und trugen stattdessen schwarzrote Abzeichen. Eine große Erinnungstafel in der Warschauer Altstadt macht heute auf die 104. Kompanie der Syndikalisten aufmerksam - ihre Geschichte und die Verfolgung überlebender Mitglieder auch in der »realsozialistischen« Zeit soll in der Veranstaltung nachgezeichnet werden (Vortrag und Diskussion)

Kurzfilm zum Thema (poln., 2:45 min)

17. Oktober 2014

Robert Kain: Otto Weidt (1883-1947). Anarchist und »Gerechter unter den Völkern«

Otto Weidt steht bisher vor allem durch seine Hilfe für verfolgte jüdische Mitbürger in der Zeit des Nationalsozialismus im Fokus der historischen Betrachtung. Seine aktive Betätigung als Anarchist zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist dagegen kaum bekannt. Um den Judenretter Otto Weidt der 1940er Jahre und sein Handeln jedoch verstehen zu können, ist es wichtig, den jungen Weidt zu kennen. Denn der Idee des Anarchismus war er von Jugend an bis zu seinem Tode nicht allein politisch zugetan, vielmehr lebte und handelte er getreu seiner Überzeugung. Daher wird Weidts politisches Engagement, aber auch sein Scheitern an und in der anarchistischen »Bewegung« im Mittelpunkt des Vortrags stehen.

Otto Weidt, Berlin, um 1943 (Quelle: MBOW)

7. November 2014

Freiheit und Utopie im 21. Jahrhundert!

Intellektuelle Bewaffnung durch Michel Foucault, Herbert Marcuse und Gustav Landauer (Lesekreis)

Utopisches Denken ermöglicht das Denken über eine bessere, andere Gesellschaft. Freiheit für alle muss die radikale Bedingung für eine solche sein.

Wenn ein Fabrikgebäude in Bangladesh einstürzt und dabei mehr als Tausend Menschen in den Tod reißt, Menschen, die für uns die Kleidung nähen, dann liegt das globale, kapitalistische Ausbeutungsverhältnis offen auf der Hand. Trotzdem findet keine institutionalisierte Forschung statt, alternative Wirtschaftsmodelle zu entwickeln. Soviel zu unserer vermeintlich Ideologie-befreiten Regierung. Schlimmer noch: Die eigentlich offensichtliche Irrationalität wird als Alternativlosigkeit verkauft. Und diese findet laut dem Philosophen Slavoj Žižek selbst im linken Lager viele Anhänger. Er sagt, dass wir fast alle implizite Anhänger des prokapitalistischen Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama sind, der nach dem Fall der Sowjet-Union das »Ende der Geschichte« propagierte: den Systemsieg des westlichen liberal-demokratischen Kapitalismus als bestmögliches Endstadium menschlicher Gesellschaft. Im Hinblick auf den politischen Kampf der Refugees ist eine solche Haltung bestenfalls zynisch. Und deshalb brauchen wir – neben politischer Praxis – Theorie: durch selbstorganisierte Bildung, um gegen diese ideologische Eindimensionalität anzukämpfen!

Kommt zum Lesekreis und wir werden Texte Michel Foucaults (Poststrukturalismus), Herbert Marcuses (Kritische Theorie) und Gustav Landauers (Anarchismus) auf die Begriffe Utopie und Freiheit hin lesen und einfach mal schauen, was dabei herauskommt! Denn Bildung ist immer auch: intellektuelle Bewaffnung für soziale Kämpfe!

Keine Vorkenntnisse nötig. (Es soll anspruchsvoll werden, aber natürlich nicht um den Preis, dass es keinen Spaß macht.)

Anmeldung und Infos: freiheit_und_utopie_lesekreis@bibliothekderfreien.de

15. November 2014

Medienwandel und Anarchismus heute

Workshop zur libertären Medienkompetenz

Der Workshop soll den Erfahrungs- und Gedankenaustausch von Personen / Projekten unterschiedlicher »Generationen« und Medien unterstützen. Mögliche Themen: libertäre Medienkritik, Nutzung neuer Medien durch libertäre Projekte, Neuformulierung »alter« Medien (Internet-Radio, Zines und Buchverlage aus der DIY-Ecke), Digitalisierung, wiederentdeckte Unmittelbarkeit in medialen Orten wie Bibliotheken, Repression etc.

Anmeldung und Infos: info@prometheus-antiquariat.de

21. November 2014

Tilman Leder: Die Politik eines »Antipolitikers«. Eine politische Biographie Gustav Landauers

Vorstellung einer Neuerscheinung

Gustav Landauer (1870-1919) zählt zu den bekanntesten und einflußreichsten Akteuren des deutschen Anarchismus. Seit mehr als 100 Jahren weiß sich eine Vielzahl von Personen von seinen »anti-politischen« und philosophischen Ideen beeinflußt, seine Wirkung reicht von Martin Buber und Erich Mühsam über Ernst Bloch bis zum Anarchismus der Gegenwart. Anarchie versteht Landauer als herrschaftslosen Gemeinschafts-Sozialismus im Gegensatz zu Staat und kapitalistischer Wirtschaft, als Versuch »mit Hilfe eines Ideals eine neue Wirklichkeit zu schaffen.« Mit diesem Aufruf ist Landauer unter Menschen gegangen, hat Organisationsarbeit und Agitation betrieben. Dennoch konzentrieren sich die meisten bisherigen Darstellungen und Studien über ihn auf theoretische Aspekte seines Lebenswerks und gehen oberflächlich über seine praktische »anti-politische« Tätigkeit hinweg. Die neu erschienene politische Biographie Landauers von Tilman Leder behebt die Defizite jener ungenügenden Arbeiten: Auf der Grundlage umfangreicher Archivrecherchen u.a. in den Akten der Politischen Polizei und in diversen Nachlässen wird die Tätigkeit und Entwicklung Landauers als freiheitlicher Sozialist und Anarchist innerhalb der sehr heterogenen deutschen anarchistischen Bewegung von den frühen 1890ern bis zu seiner Ermordung im Zuge der Liquidierung der Bayerischen Räterepublik im Mai 1919 erstmals im Detail erkennbar. (Buchvorstellung durch den Autor)

Tilman Leder: Die Politik eines »Antipolitikers«. Eine politische Biographie Gustav Landauers. 2 Bände. Verlag Edition AV, Lich 2014. ISBN 978-3-86841-098-3

5. Dezember 2014

Stalins Hungergenozid in der Ukraine

Die russischen Revolutionen von 1905 und 1917 wären ohne die agrarrevolutionären Massen nicht möglich gewesen – dennoch galten diese in den Augen der bolschewistischen Parteifunktionäre, die sich an der Macht festsetzten, als zutiefst primitiv und rückständig. Die bolschewistische Partei glaubte sogar ihren Machtanspruch in Gefahr zu sehen, wenn nicht den ländlichen Sozialstrukturen das Rückgrat gebrochen werde.

Mit dem Wort »Kulaken« war bald ein Kampfbegriff gegen die Bauern und die agrarisch geprägte Dorfkultur gefunden, um Zwangskollektivierungen und Terrormaßnahmen zu rechtfertigen. Nachdem (bewußt unerreichbar hoch festgesetzte) Planzahlen nicht erfüllt werden konnten, wurde insbesondere in zahlreichen ukrainischen Dörfern die Lebensmittelversorgung eingestellt; Requirierungskommandos beschlagnahmten alle vorhandenen Nahrungsmittel, verhängten Blockaden über die Dörfer und lieferten damit die ländliche Bevölkerung dem sicheren Hungertod aus. Im Zuge des »Holodomor«, der Großen Hungersnot 1932/33, starben sechs bis sieben Millionen Menschen den Hungertod, etwa die Hälfte in der einstigen »Kornkammer« Ukraine. Zur selben Zeit wurden aus der Sowjetunion 1,7 Mio Tonnen Getreide exportiert. Das Gedenken an die Opfer, welches in sowjetischer Zeit tabu war, ist auch unter den heutigen politischen Verhältnissen in Russland unerwünscht. (Vortrag und Diskussion)

›Hungersnot‹ Holzschnitt von Sofia Nalepynska-Boichuk, 1927

 

Wer per E-Mail über die Veranstaltungen der Bibliothek der Freien informiert werden will, sende bitte eine Mail an: Subscribemail@BibliothekderFreien.de

Veranstaltungsrückblick

Sitemap Impressum Kontakt Startseite Seitenanfang