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Die wechselhafte Geschichte über die Jahrhunderte hinweg übte einen beträchtlichen Einfluß auf das kollektive Gedächtnis Polens aus und prägte im Angesicht der jeweiligen Besatzungsmächte nachhaltig die Vorstellung von einer freien Gesellschaft. Wohl am radikalsten formulierte dies um die Jahrhundertwende der Sozialist Edward Abramowski, der den Staat als solchen für gänzlich entbehrlich hielt und ihn durch autonom selbstverwaltete gesellschaftliche Organisationen ersetzt sehen wollte. Auf ihn beziehen sich polnischer Anarchismus und Alternativkultur in erster Linie, wenn sie sich über ein Jahrzehnt nach der Wende in Osteuropa mit den Auswirkungen der Transformation auseinandersetzen. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, daß polnische Alternativkultur nicht purer Rezipient und Nachahmer westlicher alternativkultureller Stile ist, sondern sich aus einer eigenen Erfahrungswelt speist, die sich in vielen Punkten von Westeuropa unterscheidet. [Vortrag und Diskussion]
Was bietet das Leben und Schreiben von zwei höchst ungleichen, aber befreundeten Feuerköpfen und Störenfrieden? Was können wir von ihnen lernen, wenn sie die entscheidenden Wendungen der deutschen Geschichte sechs Jahrzehnte hindurch erlebt haben, und zwar aktiv und passiv inklusive Exil? Das soll in Besinnung auf ihre Lebensschritte und ihre literarischen Werke untersucht werden. Einschlägige Stellen ihrer Auseinandersetzung mit den Ursachen des Anarchismus sollen vorgetragen werden. [Vortrag und Diskussion].
- es handelt sich weder um Titel der Bestsellerliste der Alltagsratgeber mit einer Prise Philosophie noch um ein alternatives Kamasutra. Hans Martin Lohmann [Die Zeit] über die Schrift An die Lebenden: »Der Witz von Vaneigems Pamphlet liegt weniger in der analytischen Durchdringung der kapitalistisch »klimatisierten Vorhalle des Todes« als vielmehr in dem authentischen Pathos, mit welchem es an die Kraft des Lebendigen appelliert.« [Vortrag und Diskussion]
In Spanien fand zwischen 1936 und 1939 nicht nur ein Bürgerkrieg, sondern auch eine soziale Revolution statt. Gegen die franquistischen Putschgenerale wurde zum letzten Mal um Freiheit und soziale Gerechtigkeit gekämpft, bevor der Zweite Weltkrieg und der Faschismus Europa in Finsternis stürzten. [Buchvorstellung durch den Autor]
Das grösste revolutionäre und poetisch-künstlerische Experiment des 20. Jahrhunderts gegen die kapitalistische Herrschaft war unanfechtbar das surrealistische Experiment. Seit 1924, dem Erscheinungsjahr des ersten surrealistischen Manifestes, organisierte sich der Surrealismus. In der ganzen Welt bildeten sich surrealistische Gruppen, die von libertärem Geist und absolutem gesellschaftlichem Nonkonformismus durchdrungen waren. Allein die Revolte war ihnen schöpferisch. Politik bedeutete für sie Subversion. Subersiv wie L´amour fou - die wahnartige Liebe, die die rationalen und sozialen Zwänge zertrümmert. Sie beabsichtigten nichts weniger als die Auslösung einer Bewußtseins-Krise. Wie die Anarchisten stellten sie die grenzenlose Freiheit in den Mittelpunkt ihres Denkens. 1947 erschien in Frankreich die »Ode an Charles Fourier« [dt. Karin Kramer Verlag 1987], ein Gedicht Andre Bretons auf den grossen Sozialutopisten, »den Leuchtturm des Geistes«. Erst spät, zwischen 1951 und 1953, kommt es dann zu einer kurzen direkten Zusammenarbeit zwischen der anarchistischen Bewegung [Fédération Anarchiste] und dem organisierten Surrealismus. Den libertären Spuren des Surrealismus, der sich im »schwarzen Spiegel der Anarchie selbst erkannte«, wie A. Breton 1952 schrieb, soll hier gefolgt werden. [Vortrag und Diskussion]
Als sich die Bündnissysteme NATO und Warschauer Pakt mit gegenseitiger gesicherter Vernichtung bedrohten, entstanden Oppositionsbewegungen, die Abschreckungspolitik und Krieg prinzipiell ablehnten: Entweder wir schaffen den Krieg ab, oder er schafft uns ab. Die Hoffnung auf eine »Friedens-Dividende« nach dem Zusammenbruch der bipolaren Konfrontation war nur von kurzer Dauer. Der Krieg, in der »Dritten Welt« ohnehin nie bloße Drohung, kehrte auch in die Metropolen zurück, als politisches Mittel, um neue Staaten oder eine »Neue Weltordnung« auch militärisch durchzusetzen. Die Auflösung Jugoslawiens in Kriegen, Massakern, Vertreibungen stellte die pazifistischen Positionen ebenso in Frage wie der Krieg gegen den Irak. Interventionen der dominanten Staaten des Weltsystems gegen »Schurkenstaaten«, warlords und terroristische Bedrohungen lassen ein neues Kriegsbild entstehen. Kriege werden als permanente Feldzüge mit wechselnden Bündnispartnern, unterschiedlichen Bedrohungsszenarien und neuen Waffensystemen geradezu alltäglich. Die Armeen werden von Territorialverteidigung auf weltweite Intervention umgerüstet; statt der früheren Massenheere werden spezialisierte Truppen ausgebildet; technische und psychologische Dimensionen des Krieges, besonders die Beeinflussung der zivilen Bevölkerungen durch Massenmedien, werden wichtiger als die Gehorsamsbereitschaft der Wehrpflichtigen. Welche Antworten kann der prinzipielle anarchistische Anti-Militarismus auf die neuen Legitimationen des Krieges geben? [Vortrag und Diskussion]
Engagierte politische Arbeit und Selbsterhaltung zwecks Erwerbstätigkeit miteinander zu verbinden, ist immer eine Gratwanderung. Die Gratwanderung von Senya Fleshin und Mollie Steimer stellt sich als eine aufregende Reise dar: nicht nur als transatlantische Fluchten, sondern auch als Navigation zwischen notwendiger Anpassung an die oft repressive Umwelt und der Pflege ihrer anarchistischen Lebensentwürfe. Mit Hilfe der Fotografie war beides möglich. [DIA-Vortrag und Diskussion]
Es war einmal ein kleiner bretonischer Arzt. Der konnte seine philosophischen Betrachtungen nicht für sich behalten und mußte deswegen von Frankreich nach Holland. Weil auch die Holländer nicht mochten, was er sprach und schrieb, mußte er nach Preussen zum großen König und wurde dessen Leibatheist. Er vertrieb dem König mit seiner guten Laune die Langeweile und den Philosophen, mit denen sich der König umgab, dieselbe. Freunde hatte er nicht viele, denn Freund eines solchen Mannes zu sein, ist unbequem. Als er am 11. November 1751 starb, starb auch sein Geist - wie das bei Materialisten so sein muß. Dennoch: Wenn er nicht gestorben ist - lacht er noch heute über die Welt und sich selbst. [Lesung und Diskussion]
Bakunins Beiträge zur freiheitlichen Ideengeschichte Europas sind lange Zeit unterschätzt worden und stellen vielfach noch heute einen Geheimtip für subversives Philosophieren dar. Die Schrift »Föderalismus, Sozialismus, Antitheologismus« gehört zu Bakunins Hauptwerken und erschien kürzlich erstmals vollständig in deutscher Sprache. »Der Staat, sagt man, sei der Repräsentant des öffentlichen Wohls oder des Allgemeininteresses und beschneide nur einen Teil der Freiheit des Individuums, um ihm den Rest zu sichern. Aber dieser Rest, das ist - wenn Sie so wollen - die Sicherheit, niemals die Freiheit. Die Freiheit ist unteilbar: Man kann nicht einen Teil von ihr abschneiden, ohne sie ganz zu vernichten.« [Buchvorstellung durch den Herausgeber]
Kurt Wafner, geboren am 29. November 1918, hat vier Staatsformen erlebt: die »Goldenen Zwanziger«, den braunen Terror, die rote Diktatur und die heutige »real existierende« Demokratie - aber keine hat ihn zum Jubeln gebracht. Geriet er unter Zwang, drängte es ihn auszuscheren aus Reih' und Glied. Durch seinen Onkel Bernard Mitglied der »Anarchistischen Vereinigung Weißensee« las er bereits mit 13 Jahren anarchistische Klassiker. Später lernte er den bekanntesten libertären Schriftsteller seiner Zeit, Theodor Plivier, kennen und wurde mit Erich Mühsam, Ernst Friedrich [Begründer des Anti-Kriegsmuseums] und dem Anarcho-Syndikalisten Rudolf Michaelis bekannt. Als Soldat erreichte er, nicht direkt an der Front kämpfen zu müssen. Die DDR-Zeit ist der beruflich vielfältigste Abschnitt seiner Biographie: Er arbeitete als Verlagslektor, Chef der »Roman-Zeitung«, Hörspielautor sowie Journalist. Im Jahre 2000 erschien seine Autobiographie im Verlag AV '88 - ein aufrechter Gang mit vielen Mühen und spannender Geschichte. [Buchvorstellung durch den Autor]
»Freiheiten werden nicht geschenkt, man muß sie sich nehmen.« Die Ideen Kropotkins - des Denkers der Gegenseitigen Hilfe, libertärer Gemeinschaftsformen und der Dezentralisierung von Landwirtschaft und Industrie - in heutiger Perspektive.