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Was ist Anarchismus? Einführung in eine unterschätzte Idee

Eine Veranstaltung in der Bibliothek der Freien am Freitag, 7. September 2007 [Ankündigung]

Emanzipation

Beiträge Nr. 1 - Nr. 2 - Nr. 3 - Nr. 4

1. Beitrag

Organisationsformen des Anarchismus

Wenn heutzutage in den offiziellen Medien das Wort Anarchie erwähnt wird, so gewinnt man unweigerlich den Eindruck, hierbei handelt es sich um einen gesellschaftlichen Supergau, der alle politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in ein Meer von Chaos versinken läßt.

Statt »Gesetz und Ordnung« herrscht nun das Recht des Stärkeren, ausgeübt von rivalisierenden, mehr oder weniger kriminellen Banden. Das dieser Zustand der für die meisten der heutigen Krisen b.w. Kriegs-und Nachkriegsgebiete der globalisierten Welt zutrifft, nichts mit dem Begriff Anarchie b.w. Anarchismus zu tun hat, soll nun im Folgenden kurz erläutert werden.

Im Gegensatz zu dem oben erwähnten Negativkonnex, handelt es sich beim Anarchismus nicht um eine Bewegung, deren Ziel in erster Linie die Vollstreckung von Chaos und Gewalt b.w. Recht und Gesetzlosigkeit ist, sondern um eine sozialrevolutionäre Idee, deren grundlegende Theorien im wesentlichen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts formuliert wurden, deren Vordenker aber, Leuchttürmen gleich die gesamte Menschheitsgeschichte säumend, bis in die Antike zurück reichen. Das grundsätzliche Ziel des Anarchismus ist die Errichtung einer herrschaftsfreie Gesellschaft (griech. Anarchie) und somit die Überwindung aller hierarchisch-autoritären Strukturen wie sie sich besonders im modernem Nationalstaat zeigen. Dabei war und ist der Anarchismus in erster Linie sozialrevolutionär, denn die von ihm angestrebte befreite b.w. freie Gesellschaft, versteht sich selbstverständlich auch als frei von Knechtschaft, Unterdrückung und Ausbeutung.

Im Verlauf seiner eigenen Geschichte entwickelte der Anarchismus verschiedene Ausprägungen, wie den Individualanarchismus, den kollektivistischen Anarchismus, den kommunistischen Anarchismus, sowie den mehr auf gewerkschaftlichen Klassenkampf ausgerichteten Anarcho-Syndikalismus. All diese anarchistischen Ausrichtungen entwickelten spezifische Organisationsformen, die sich zwar partiell unterschieden, in den grundsätzlichen Überzeugungen aber weitestgehend überein stimmten. Zu diesen Überzeugungen gehört: das absolute Primat der Freiheit eines jeden Einzelnen. Es liegt somit auf der Hand das sich anarchistische Organisationsformen von allen hierarchischen Administrationen, auch und gerade von revolutionären wie den des autoritären Sozialismus und Kommunismus marxistischer Prägung wesentlich unterscheiden. Als ein wichtiges Element seiner Integrität bewahrte der Anarchismus den Pluralismus seiner Ideen, keiner seiner Theoretiker setzte seine Meinung absolut gegen die eines anderen und lief so Gefahr sich in einer Apotheose seiner selbst zu verlieren, und so das Volk als Dünger seiner Machtbessenheit zu mißbrauchen, wie es im Marxismus schon angelegt war. Es versteht sich also von selbst das der Anarchismus weder eine verabsolutierte Parteienherrschaft noch ein unumstößliches Mehrheitsrecht als Organisationsprinzip akzeptieren kann. Statt dessen setzt er auf eine Reorganisation der Gesellschaft unter Berücksichtigung des Konsensprinzips von der Basis her, den großen übermächtigen Organisationen und Parteien mit ihren festgelegten Reglement und Tendenz zur Verknöcherung, setzt der Anarchismus die kleinen auf bedingungslose Freiwilligkeit beruhenden assoziativen Gruppen entgegen, diese zur Bewältigung bestimmter Zielsetzungen gebildeten informellen Vereinigungen deren Mitgliederzahl stets überschaubar bleibt, haben stets temporären Charakter und lösen sich nach Erreichung der selbstgewählten Ziele wieder auf, um sich zur Lösung neuer Aufgaben auf Grund der Kompetenzen einzelnen Mitglieder neu zu formieren. Die Leitung solcher Gruppen, so sie erforderlich ist, bemüht stets auf dem Prinzip der Freiwilligkeit und ist stickt kompetenzgebunden selbstverständlich temporär um so die herausbilden hierarchischer Strukturen zu verhindern. An diesem Beispiel wird das Grundprinzip der anarchistischen Organisation, weder hierarchisch von oben nach unten (wie in Diktaturen jeglicher Couleur) noch scheinbar von unten nach oben, durch Delegierung der Macht des Volkes an seine Vertreter (wie es der demokratische Parlamentarismus vorgibt und so doch nur wieder in einer Hierarchie mündet) sondern als eher horizontales Modell, von der Peripherie ins Zentrum der Gesellschaft deutlich.

Im größerem Rahmen setzt sich dieses Prinzip in einem auf strickter Freiwilligkeit beruhenden Föderalismus kleiner und kleinster Einheiten fort, die Beziehungen dieser Kooperativen untereinander als auch die ihrer einzelnen Mitglieder beruhen auf dem Prinzip der freien Vereinbarung, die wenn notwendig vertraglich abgesichert wird, aber immer die Möglichkeit der bedingungslosen Aufkündbarkeit ohne gegenseitige juristische Nachteile mit einschließt. Ein solches Organisationsprinzip setzt natürlich im hohem Maße ein großes Einfühlungsvermögen sowie Verantwortlichkeit und die Fähigkeit zu freien und selbstbestimmten Handeln jedes Einzelnen voraus. Gerade hierin finden wir einen westlichen Unterschied des Anarchismus zum autoritärem Sozialismus, der in den Menschen immer nur eine abstrakte, Masse b. w. Klasse sah, die dumpf vor sich hinbrütend, ihres intellektuellen Erlösers harrend, wartet daß er sie nun, hübsch hierarchisch-diszipliniert die lichten Höhen des Sozialismus führt. Der Anarchismus zielte von Anfang an darauf der Kräfte des einzelnen Individuums zu stärken, um es so in den Stand zu versetzen, mit all seinen Fähigkeiten, frei und selbstbestimmt in einer Gruppe von Gleichen ohne hierarchische Strukturen handeln zu können.

Ich hoffe das es mir hier in den knapp bemessenen Zeitrahmen dieses Vortrages gelungen ist, daß grundsätzliche von anarchistischen Organisationsformen vermittelt zu haben. Natürlich konnte ich bei so einem komplexen Thema hier vieles nur anreißen, wenn ich dennoch bei einigen Zuhörern das Interesse geweckt haben sollte, so verweise ich hiermit gern auf die reichhaltigen Bestände unserer Bibliothek zu diesem Thema. Neben einer großen Anzahl von Klassikern, wie z.B.: Bakunin, Kropotkin und Landauer u.a.m. die sich eingängig mit diesem Thema beschäftigten, sei hier noch auf zwei Autoren aus jüngerer Zeit hingewiesen: zum ersten auf Colin Ward's 1966 in der Zeitschrift »Anarchy« veröffentlichter Aufsatz: Der Anarchismus als eine Organisationstheorie, nachzulesen in dem Band »Der Anarchismus« aus der Reihe: Dokumente der Weltrevolution und zweitens, sehr empfehlenswert: Der libertäre Kommunalismus von Murray Bookchin.

2. Beitrag

Grundwerte des Anarchismus

Der Grund für einen libertären Gesellschaftsentwurf entsteht immer wieder, weil sich Anarchisten gegen die bestehende Gesellschaftsform empören.

Empörenswert ist der Mangel an Freiheit. Die Ursache der Unfreiheit sind Institutionen, die Zwang und Herrschaft ausüben, diese sind klar erkennbar, an ihrem hierarchischen, antidemokratischen Aufbau und dem Verlust der Verantwortung des Einzelnen in dieser Hierarchie.

Anarchisten sehen dies als klaren Konzeptionsfehler in diesen Organisationen, der im schlimmsten Fall, menschenverachtende und grausame Konsequenzen verursacht.

Dieser gewollte Aufbau verhindert, dass Menschen in diesen Institutionen, verantwortlich und frei handeln können.

Der Mensch ist das Produkt seiner Gesellschaft. Sprache, Kultur, Wertvorstellung, Tradition sind die Dinge, die unsere Ethik prägen. Wichtiger als die mündliche und schriftliche Form dieser Werte ist das Beispiel der Anderen, die uns diese oder andere Werte vorleben.

Was genau meinen Anarchisten, wenn sie von Freiheit reden:

»Der einzige vernünftige Sinn des Wortes Freiheit ist also: die Herrschaft über alle äußeren Dinge, die gegründet ist auf die gebührende Beobachtung der Naturgesetze; sie ist die Unabhängigkeit gegenüber den despotischen Ansprüchen und Akten der Menschen; die Wissenschaft, die Arbeit, die politische Empörung und endlich die gleichzeitig durchdachte und freie Organisation des sozialen Milieus entsprechend den Naturgesetzen, die in jeder menschlichen Gesellschaft liegen.« (Michael Bakunin)

Die freie Organisation ist nur möglich, wenn es keine durch Gewalt geschaffene, Hierarchie gibt, d.h. dass sich die Menschen nach ihren Bedürfnissen und ihren eigenen Vorstellungen frei zusammenschließen.

Die Vorraussetzung ist, dass Menschen frei sind, denn nur in diesem Fall, können sie unabhängig für sich und andere entscheiden. Unter der Knute eines Mafiabosses kann man keine freie Entscheidung treffen, dasselbe gilt auch für alle größeren Zwangsinstitutionen.

Anarchie heisst nur kein Staat und keine Unterdrücker, es heisst aber nicht dass sich Gesellschaft auf wundersame Weise zu einem Paradies entwickelt.

Anarchismus bedeutet einen gesellschaftlichen Aufbau durch die, die es betrifft, in der einzig legitimen Form, von unten nach oben, im unerschütterlichen Glauben des Einzelnen an sein unveräußerliches Mitbestimmungs- und Mitgestaltungsrechts! Solange es eine Institution gibt die Zwang auf die Menschen ausübt, die Freiheit somit einschränkt, sind wir nicht in der Lage, frei zu entscheiden. Jede Form der Bevormundung verhindert die Entwicklung eines emanzipativen Bewußtseins, das Vorraussetzung dafür ist, dass Menschen frei miteinander leben können.

Der Staat in sich stellt ein Ungleichgewicht dar. Der Staat sorgt einerseits für seinen Machterhalt und gleichzeitig für die Ohnmacht aller Anderen in der Gesellschaft. Dieses Ungleichgewicht entsteht damit auch im Sozialen und Ökonomischen, bzw. erhält diesen Zustand dort. Gleichheit ist die notwendige Vorraussetzung für Freiheit.

3. Beitrag (Wird nachgereicht)

4. Beitrag

Aktuelle Anwendungen des Anarchismus

Ein häufig geäußerter Einwand gegen den Anarchismus lautet: Die heutigen Massengesellschaften mit ihren komplexen Bedürfnissen lassen sich doch nicht wie eine Gesprächsrunde organisieren; der Anarchismus insgesamt sei den Herausforderungen der Moderne nicht gewachsen.

In Wirklichkeit finden jedoch anarchistische Ideen und Konzepte in der Gegenwart nahezu unbemerkt vielfache Anwendung. Hierfür nur ein paar Beispiele:

(1) In Industrie- und Dienstleistungsbetrieben kommen häufiger als früher sog. moderne Personalführungsmethoden zum Einsatz. Diese gehen von der Erkenntnis aus, daß sich heutzutage immer weniger Menschen mit der Peitsche motivieren lassen. Sie sind aufmüpfiger als früher, selbstbewußter, aber auch kreativer.

Im Unterschied zu früher genügt es nicht mehr, wenn der Chef zu seiner Rechtfertigung auf seine Einsetzung von oben verweist. Wie Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler ermittelt haben, werden Vorgesetzte überhaupt nur noch aus zwei Gründen akzeptiert: entweder wenn sie durch Sozialkompetenz überzeugen oder als Experten über besonderes Wissen verfügen.

Moderne Personalführungsmethoden zielen daher nicht auf strengere Hierarchien, sondern auf eine Verbesserung der Arbeitsathmosphäre, zum Beispiel durch Wahl der Vorgesetzten, Abwechslung der Arbeitsabläufe, Selbstverantwortung der Beschäftigten usw. Diese Methoden, die im politischen Bereich unter den Begriffen Rotation, Delegation, Konsensprinzip, imperatives Mandat etc. bekannt sind, standen ursprünglich in einem anarchischen Zusammenhang.

(2) Das Verhältnis der Europäischen Union zu ihren Mitgliedsstaaten entspricht gewissermaßen einem radikalen anarchistischen Föderalismus: Die untere Instanz bleibt dabei souverän. Die Regierungen der EU-Mitgliedsstaaten, die argwöhnisch die Machtentwicklung der Europäischen Union verfolgen, haben zur Wahrung ihrer Souveränität das sog. Subsidiaritätsprinzip durchgesetzt, das heißt: Diejenigen Aufgaben, welche von den einzelnen Mitgliedsstaaten besser erledigt werden können, sollen nicht mehr in die Zuständigkeit der EU fallen.

Aufgrund desselben Subsidiaritätsprinzips könnten jedoch die Gemeinden von den Bundesländern und die Länder von der Bundesregierung Regelungskompetenzen zurückverlangen, wenn diese auf der jeweils unteren Ebene effizienter wahrgenommen werden können. Generell gesprochen könnte die Gesellschaft auf diese Weise schrittweise den Staat entmachten. Es ist also kein Zufall, daß das Subsidiaritätsprinzip selbstredend nur für die Regierungen in der Auseinandersetzung mit der EU gilt und nicht für die Gesellschaften gegenüber den Staaten.

(3) Moderne Marketingstrategen haben für große Dienstleistungsbetriebe das Leitbild ausgegeben »one face to the customer«. Das bedeutet: Bei welcher Gelegenheit auch immer ein Kontakt zwischen Anbieter und Kunden hergestellt wird, müssen alle Wünsche und Forderungen des Kunden abschließend und verantwortlich entgegengenommen werden — verboten ist dagegen jedes Abwimmeln, das langwierige Weiterverbinden am Telefon, sich für nichtzuständig erklären usw. Die Marketing-Strategen wollten mit dieser Strategie offenbar verhindern, daß sich ein einzelner Kunde mit einer undurchdringlichen Bürokratie konfrontiert sieht, die allen größeren Organisationen eigen ist und dahin tendiert, sich zu verselbständigen und gegenüber Forderungen von außen unempfindlich zu werden. Diese Strategie will also, mit einem Wort, die Herrschaft des Apparats zähmen — ein klassischer anarchistischer Ansatz.

Die zunehmende Anwendung der in diesen Beispielen genannten anarchischen Methoden läuft auf einen faktischen Modernitäts- und Effizienznachweis für den Anarchismus hinaus, der seit Ende des kalten Krieges keiner anderen politischen Theorie zuteil geworden ist.

Gemeinsam ist all den genannten Beispielen ein charakteristischer Zug der Moderne: Die Auflösung des Führerprinzips. Die Machthaber von heute müssen sich als Vertreter des Gemeinwohls, als Verteidiger des »Standorts Deutschland« usw. legitimieren. Glaubten vergangene Jahrhunderte noch mehrheitlich an das vermeintliche Lebensprinzip von Befehl und Gehorsam, so findet sich heute kaum noch jemand, der sich aus Prinzip zur Unterwerfung unter überlieferte Hierarchien bekennen würde. Dagegen entspricht der herrschaftskritische Ansatz des Anarchismus dem Bedürfnis von immer mehr gesellschaftlichen Gruppen nach selbstbestimmten Lebensformen.

Die klammheimliche Anwendung anarchischer Methoden liegt also durchaus im Trend. Allen eben aufgezählten Beispielen fehlt jedoch etwas Entscheidendes, um Libertäre zufriedenzustellen: In jedem der eben zitierten Fälle wird eine Methode aus ihrem ursprünglich anarchischen Zusammenhang herausgerissen und isoliert einem anderen Prinzip, zum Beispiel der Profitmaximierung nutzbar gemacht.

Es gehört zur Natur des anarchistischen Theoriegebäudes, daß es in dieser Art für jedermann als Ideen- und Methoden-Steinbruch nutzbar ist. Jederzeit kann ein Zubehör eines anarchistischen Gesellschaftsmodells zweckentfremdet eingesetzt werden, ein Vorgang, der zur Zeit in großem Stil vor sich geht. Da der Vorwurf, anarchische Methoden seien ineffizient und in der Gegenwart nicht anwendbar, daher heutzutage jede Berechtigung verloren hat, so müßte eigentlich die Stunde der Libertären schlagen.

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