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Gianluca Falanga

Befreiung von der Lohnarbeit

Arbeitsverweigerung als anarchistische Strategie

Eine Veranstaltung in der Bibliothek der Freien am Freitag, 5. Oktober 2007 [Ankündigung]

Ich möchte meine Ausführungen mit einer kleinen persönlichen Geschichte beginnen.

Immer wenn ich bei der Arbeit bin, muss ich an meinen Vater denken. 1972 stellte ihn die Bahn ein. Er zog von Salerno (bei Neapel) nach Turin und war dreißig Jahre lang Lokführer. Immer wenn er ins Schlafzimmer ging, um sich für die Arbeit fertig zu machen, änderte sich seine Stimmung drastisch. Egal, ob er bis dahin mit meiner Mutter oder uns Kindern gespaßt oder vor dem Fernseher gelacht hatte, sobald er in Uniform mit einem Handkoffer in der Hand aus dem Schlafzimmer kam, lächelte er nicht mehr. Eine angespannte Stille senkte sich über uns alle. Papa muss zur Arbeit, sagte unsere Mutter mit einem Gesichtsausdruck, als ob sie uns sagen wollte: Habt bitte Verständnis, er muss zu einer Beerdigung. Es ist sehr unangenehm, aber es muss sein. Mit der Zeit lernten wir es. Wenn die Laune meines Vaters plötzlich schlechter wurde, wussten wir Bescheid: Papa muss zur Arbeit. Wenn er dann aber zurückkam, hörten wir ihn schon im Treppenhaus pfeifen. Er zog sich schnell um, versteckte den Koffer im Schrank und kam zu uns. Auf einmal war er wieder redselig, zärtlich und guter Laune – jener permanenten guten Laune, die ihm, wie ich heute inzwischen weiß, zueigen ist und die ihm nur die Arbeit verderben konnte.

Nach dreißig Jahren Dienst ist mein Vater in Rente gegangen. So ziemlich von heute auf morgen. Ich erinnere mich daran, es war zu Weihnachten. Ich lebte schon in Berlin und war in Turin, um bei meinen Eltern die Feiertage zu verbringen. Als ich kurz vor Silvester nach Deutschland zurückfahren wollte, fragte ich meinen Vater nach den Fahrzeiten der Züge nach Mailand. Ich war gewöhnt, dass er den ganzen Fahrplan auswendig konnte. Seine Antwort: Keine Ahnung. Nichts. Nicht einmal eine Woche in Rente und schon hatte er alles, was mit der Arbeit zu tun hatte, komplett aus dem Kopf verdrängt. Dreißig Jahre Berufsleben in nur wenigen Tagen von sich abgeschüttelt, als wären sie ein böser Traum gewesen. Ich weiß auch, dass er heute, wenn möglich, Züge und Bahnhöfe meidet. Wenn es einen Lokführer-Streik oder ein Zugunfall gibt, oder eine Reportage über die neuste Bahntechnik im Fernseher läuft – alles, was ihn an die Tätigkeit zurückdenken lässt, die ihn dreißig Jahre seines Lebens gekostet hat, interessiert ihm nicht im Geringsten. Höchstens grinst er schief, so, als ob er sagen möchte: das ist jetzt euer Scheiß. Aber das Gesicht des Zwanges habe ich nie wieder bei ihm gesehen.

Die Haltung meines Vaters war in ihrer spontanen, nicht ideologisch motivierten und individuellen Art eine Form der Arbeitsverweigerung, des inneren Widerstandes gegen die »Erpressung« der Arbeit: arbeiten oder hungern. Denn einmal habe ich ihn ja gefragt, warum er seinen Job nicht gewechselt hat, wenn er ihn so unglücklich machte. Er gehört zu einer Generation bzw. zu jener Art von Menschen, die solche Fragen nicht wirklich beantworten können, weil sie die Arbeit schicksalsergeben wie eine schwere Bürde auf sich genommen haben. Er gab mir allerdings zu verstehen, dass das Problem nicht so sehr an der Bahn lag, dass er nicht geglaubt hat, dass es woanders wesentlich besser hätte sein können. Er fühlte sich weder unterfordert noch untermotiviert. Er wollte sich halt als Mensch nicht in der Arbeit entfalten und es ist offensichtlich der Zwang zur Arbeit gewesen, die ihm jahrzehntelang bedrückt hat. Instinktiv und scheinbar nur halb bewusst ließ er seinen Job mit seinem Alltag nie harmonieren, die Arbeit zu einem Fremdkörper in seinem Leben werden – ein Hindernis zum Glück, das er tatsächlich erst dann gefunden hatte, als dieses Hindernis beseitigt wurde.

Radio Alice »LAVORARE CON LENTEZZA« (»Arbeitet langsam«) 1977 forderte der Radiosender »Radio Alice« zur Arbeitsverweigerung auf.

Ich habe mit dieser kleinen Familienanekdote anfangen wollen, weil sie mich immer beschäftigt hat. Sie veranschaulicht meiner Ansicht nach bestens, wie Menschen die Arbeit nicht bloß aus einer unbestimmten »Faulheit« ablehnen, sondern spontan als ein Hindernis, eine Einschränkung ihrer Freiheit, eine Beraubung von körperlichen und geistigen Kräften, schließlich als Zwang und »Erpressung« empfinden und wie sie darauf reagieren können. Mal abgesehen von zeitgenössischen Ungeheuerlichkeiten wie der Identifizierung mit der Arbeit bis zur Selbstausschaltung, zu der manche Menschen, die so genannten »workaholics«, heute fähig sind, bin ich der Meinung, dass der Arbeitszwang historisch den Menschen immer wieder nur mit der Begründung auferlegt werden konnte, die produktive Arbeit sei ein notwendiges Lebensbedürfnis, eine angeblich grundsätzliche anthropologische Dimension wie etwa das Sprechen oder das Aufbauen sozialer Beziehungen. Durch die Arbeit eignen sich die Menschen die Natur an und um die Arbeit herum strukturieren die Menschen ihre Gesellschaftsformen. »Es ist nun mal so: Der Mensch muss arbeiten, wenn er überleben will.« Nun: Was ist, wenn diese Begründung nicht mehr so ganz stimmt? Was ist, wenn sich der Zusammenhang von materieller Produktion und menschlicher Arbeitsleistung weitgehend auflöst und Produktivitätssteigerungen unter Verzicht auf menschliche Arbeit erzielt werden?

Die Veränderungen der letzten Jahrzehnte haben uns genau in diese Richtung geführt. Der von Automatisierung und mikroelektronischer Revolution herbeigeführte Wandel der Arbeit in den westlichen Gesellschaften verlangt eine grundlegende Umdeutung des Arbeitsbegriffes. Denn die technologische Entwicklung verändert die Beziehung Mensch-Natur erheblich und in Folge dessen das Wesen der Arbeit selbst. Aber wenn die Arbeit nicht mehr jenes notwendige Lebensbedürfnis darstellt, das dem Menschendasein gehört, muss man sich auch fragen, ob die strukturierende Funktion der Arbeit im Leben der Gesellschaft und in der Biografie jedes einzelnen Menschen weiter legitim ist. Die »Erpressung« von Arbeit im Namen der bürgerlichen Arbeitsmoral beherrscht weiterhin die Menschen – und zwar trotz der technischen Möglichkeiten, die uns heute zur Verfügung stehen. Tatsächlich wird immer mehr materieller Reichtum unter Verzicht auf menschliche Arbeit geschaffen. Warum kann also das technische Können als Ausdehnung des menschlichen Könnens nicht zum allgemeinen Wohl bzw. zur Sicherung der Existenz von uns allen eingesetzt werden? Warum sollten wir alle nicht das Genießen jenes materiellen Reichtums, der ohne menschliche Arbeit produziert wird, ohne dafür arbeiten zu müssen als Recht einfordern?

Die Kopplung des Existenzrechts an Arbeitsleistung, die die »Erpressung« der Arbeit letztlich ausmacht, könnte dadurch heute schon aufgelöst werden. Dagegen erleben wir eine Verfestigung der Herrschaft der Arbeit über das Leben. Und das auch trotz des eindeutigen Wertewandels, der in den letzten Jahrzehnten in unseren westlichen Gesellschaften vollzogen und die Arbeit vom Mittelpunkt unseres Lebens entthront hat. Wer könnte sich heute noch ernsthaft vorstellen bzw. wünschen, das Leben eines Fabrikarbeiters der 50er Jahre zu führen? Statt uns endlich vom Arbeitszwang zu befreien, wiederholt man uns, dass sich Leistung wieder lohnen muss. Deutsche Staatspolitik und Medien stellen die angebliche Verbreitung einer »Faulenzer-Mentalität« im einstigen »Land des Fleißes« immer wieder heftig unter Anklage. Im Frühjahr 2001 entbrannte in der Bundesrepublik eine beispielhafte Kontroverse über Langzeitarbeitslose, die nicht jeden angebotenen Job annehmen wollen. »Es gibt kein Recht auf Faulheit« sagte der damalige Bundeskanzler Schröder: Wer Arbeit ablehnt, muss seinen sozialen Anspruch verlieren. Zeitschriften und Tageszeitungen verfolgen seit Jahren beinah mit Bestürzung die »Krise der Arbeit«. Innerhalb einer Generation sei Arbeit als Leitmotiv im Leben verschwunden, klagen manche Journalisten. Die »Freizeit-« oder »Spaßgesellschaft« habe die »Arbeitsgesellschaft« abgelöst: Die Arbeit bilde nicht mehr das Zentrum unseres Leben, sondern Freizeit, Hobby, Familie und andere selbst bestimmte Beschäftigungen von Körper und Geist. Doch statt sich darüber zu freuen, oder sich zu fragen, warum wir immer noch die meiste Zeit des Tages einer Tätigkeit verschenken müssen, die in der Wertigkeit tendenziell am Rand des Lebens gedrängt worden ist, und sich tatsächlich mit diesem Wertenwandel auseinanderzusetzen, drohen alle damit, dass dieser Weg eine »ökonomische Sackgasse« sei, die gravierenden, wenn nicht sogar dramatischen bis katastrophalen Folgen für den Erhalt des erreichten materiellen Wohlstands, des Sozialsicherungssystems usw. haben kann.

Fiat Demontage Demontage eines Monuments: Aufstand gegen die Herrschaft der materiellen Produktion.

»Wir haben«, schreibt einer in Cicero, »die Verdrängung der Arbeit an den Rand unserer Kultur und Gesellschaft teils widerstandslos hingenommen, teils bewusst vorangetrieben, weil wir davon ökonomische Stabilität und gesellschaftspolitischen Fortschritt erwarteten«, und jetzt gelte es, »die leichtfertige preisgegebene Mentalität einer Arbeitsgesellschaft zurückzuerobern. Die Wiedergewinnung von Arbeit muss sich zuerst in den Köpfen vollziehen, sie erfordert eine kulturelle und gesellschaftspolitische Anstrengung.« Derselbe Journalist klagt weiter, dass das sich Identifizieren mit der Arbeit mittlerweile als »uncool« gelte. Dabei führe aber der Weg zum »sozialen Aufstieg« immer noch über mehr, nicht weniger Arbeit. Trotzdem zeigen »entsetzliche« Umfragen, dass es immer mehr Menschen gäbe, die dafür bereit wären, ihre Arbeitszeit und selbst ihr Gehalt zu verkürzen, nur um mehr Zeit für sich zu haben. In einem Manager-Magazin vom Oktober 2003 habe ich dann einen Höhepunkt gefunden: ein Interview mit einem gewissen Herrn Murmann, ehemaligen Arbeitgeberpräsidenten. Der Herr sagt (und ist dabei ernst), dass der Konzern Sauer-Danfoss am ehemaligen Stammsitz Neumünster 800 Jobs abgebaut und in die Slowakei verlagert hat, denn »dort wirtschaftet es sich nicht nur billiger, sondern bei den Slowaken steht auch noch die Arbeit eher im Zentrum des Seins als hier zulande«.

Was wäre nun, wenn den Deutschen nicht mehr danach wäre, konkurrenzfähig zu sein oder zu bleiben? Was wäre, wenn sie die »Herausforderung« des Marktes nicht mehr annehmen würden? Wenn sie den Drohungen taub würden – liebt die Arbeit wieder oder wir verlassen euch –, wenn sie anstatt, ihren »Standort Deutschland« zu verteidigen, sich für eine neue Einstellung entscheiden würden? Eine Einstellung, die der Freizeit und selbst bestimmten Zeit den Vorrang gibt und die Arbeit vom Zentrum ihrer Leben weggedrängt hat. Wenn die Deutschen beschließen würden, den Opferwillen für einen abstrakten Erhalt des allgemeinen Wohlstands, im Gegensatz zum sehr konkreten individuellen Genuss von freier Zeit, aufzugeben und die Arbeit dort hingehen zu lassen, wo es Menschen gibt, denen danach ist? Chinesen und Slowaken können ruhig arbeiten, wenn sie Bock darauf haben – wenn Arbeit bei ihnen noch im Zentrum ihres Seins ist, so wie der Herr Murmann behauptet. Was würde denn dann passieren? Würde eine Katastrophe geschehen? Aber diejenige, die uns gehorsam halten und die über uns weiterhin herrschen möchten, diejenige, die uns anflehen, mehr zu konsumieren, und unsere erpresste Arbeitsleistungen noch billiger brauchen, haben die nicht etwa auch Angst vor dieser Katastrophe? Meistens fürchten sie ja auch die kleinste Veränderung, die ihre Macht erschüttern könnte. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie sich dann gezwungen sehen, bevor es zu spät ist, uns endlich zu befreien und die Früchte jener materiellen Produktion endlich genießen zu lassen, die nunmehr seit Jahren weiter expandiert, ohne dass sie uns wirklich noch braucht. Sitzen wir etwa am längeren Hebel und wissen es nicht?

Statt sich ständig zu fragen, ob die Deutschen zu faul geworden sind, sollten sich diese Journalisten besser fragen, ob die Menschen in diesem Land vielleicht dabei sind, schlauer zu werden. Wir dürfen keine »Wiedergewinnung« oder »Zurückeroberung« der Arbeit, keine Restauration der Arbeitsmoral zulassen. Der psychologische Terror, die übliche Drohung der nationalen Katastrophe, des Zusammenbruchs der Volkswirtschaft, alle Mittel, die eingesetzt werden, um diesen Wertewandel, diese vermeintlich inakzeptable Lockerung der Arbeitsherrschaft rückgängig zu machen, muss Widerstand entgegen gesetzt werden. Das emanzipatorische Ziel einer Gesellschaft, in der man leben darf, ohne arbeiten zu müssen, hat offensichtlich viele Feinde – aus allen staatspolitischen Lagern, aus unterschiedlichen politischen Kulturen. Ich frage mich manchmal, ob die größeren Hindernisse für diesen Befreiungsschritt eher kultureller oder machtpolitischer Natur sind. Ich glaube, dass es die Angst vor dem Wegfallen eines der wirksamsten Mittel für soziale Kontrolle und Disziplinierung ist, neben der Verachtung für jegliche reale Emanzipation, die Neoliberalen und Sozialdemokraten in ihrer erbitterten Verteidigung von Arbeits- und Leistungszwang vereint.

Eine Kultur gegen die Arbeit wäre also absolut zeitgemäß. Damit meine ich eine Kultur, die sich offen zum bewussten Widerstand gegen Leistungszwang und produktive Effizienz bekennt. Eine Kultur, die uns helfen soll, den geistigen Reichtum eines un- bzw. antiproduktiven Verhaltens sowie die Vielfalt von individuellen Lebenstempi zu entdecken und zurückzuerobern. Eine Kultur, die Lohnarbeit und Arbeitszwang als inakzeptable existentielle und psychische Verarmung öffentlich anklagt und ein neues Menschenbild fördert – das Bild eines Menschen, in dem er nicht Profit für andere schafft, sondern frei stets immer bessere, selbst bestimmte Lebensqualität anstrebt. Eine Kultur, die unsere individuellen Eigenschaften und Fähigkeiten als unschätzbar, unbezahlbar und unverkäuflich erkennt und ihren eifersüchtigen Schutz vor fremdbestimmten Anwendungen verlangt. Und schließlich – da wir jetzt noch nicht einfach zu Hause bleiben können und so die Arbeit unmittelbar ablehnen – eine Kultur, die eine alltägliche Arbeitsverweigerung als emanzipatorische Strategie subversiv und kreativ einsetzt.

Wir brauchen keine Bewegung, die die Lohnarbeit verteidigt, sondern eine, die deren Abschaffung anstrebt. Die italienische Geschichte der 1960er und 70er Jahre kann dafür Ideen liefern. Damals forderte zuerst die Arbeiter-, dann die Jugend- und Studentenbewegung von 1977 die Befreiung vom Zwang zur Lohnarbeit. Im Rahmen heftiger sozialer Kämpfe, die über zwei Jahrzehnte das ganze Land erfassten, nahm die Ablehnung der Arbeit eine durchaus politische und revolutionäre Bedeutung an. Spontane, verbreitete und bewusste Praktiken der Arbeitsverweigerung wurden von einer theoretischen Reflexion begleitet und gefördert, welche die Emanzipation von der Lohnarbeit in Mittelpunkt ihrer Vision einer radikalen Umwälzung der Gesellschaft stellte. Die Ablehnung der Arbeit reifte in einer Zeit größter industrieller Expansion, mitten im so genannten »Wirtschaftswunder«, zu Beginn der Sechziger Jahre. Der ideologische Rahmen, in der sie entstand, war zwar noch die traditionellen Auseinandersetzung zwischen Arbeit und Kapital, anders ausgedrückt: der Klassenkampf. Jedoch führte die »strategische« Entscheidung für die Ablehnung der Arbeit wohl weiter über das eingeschränkte Schema des Klassenkampfes hinaus. Die Folgen dieser Neuorientierung des Kampfes und der gesellschaftsumwälzenden Bestrebungen, sowohl auf der Ebene der Praxis als auch der Theorie, sind meiner Ansicht nach für unsere heutige Sicht von erheblicher Bedeutung.

Arbeit Toetet »Arbeit schädigt die Gesundheit« Plakate der Turiner Hausbesetzer zum 1. Mai-Feier.

Die Arbeitsverweigerung war in Italien drei Dinge zugleich: eine instinktive unmittelbare Reaktion, eine mutige theoretisch-politische Intuition und ein Interpretationsschema, also ein philosophischer Ansatz. Schauen wir uns sie einzeln an.

1) Die Fabrikarbeit wurde unmittelbar abgelehnt als Reaktion auf die schlechte Qualität des Lebens. Instinktiv stand man gegen die despotische Herrschaft der materiellen Produktion über das menschliche Leben auf. Diese Herrschaft, welche die Unterstützung durch alle Arbeiterparteien und die großen Gewerkschaftszentralen genoss, hieß im spezifischen Fall Italiens die Massenemigration von Süd nach Nord und vom Land in die Städte von hunderttausenden von Menschen. Arbeit bzw. Fabrikarbeit dominierte im wahrsten Sinne des Wortes die Biographien von Millionen. In den von der Massenverstädterung überforderten Großstädten warteten auf die Emigranten meistens nur ein Bett in einem halbüberschwemmten Keller oder in einem Barackenlager, die Feindseligkeit der irritierten einheimischen Bevölkerung und selbstverständlich das Fließband. Die Revolte von Piazza Statuto im Juli 1962 in Turin, zieht eine klare Trennungslinie zwischen dem Jahrzehnt der produktiven Disziplin, des erzwungenen Betriebsfriedens und dem der neuen Arbeiterkämpfe im Zeichen der Arbeitsverweigerung. Von 1963 bis zum Höhepunkt jener Kämpfe zwischen 1968 und 1973 griff die italienische Arbeiterbewegung das Herz der materiellen Produktion an und zerrüttete das System der Fabrikdisziplin vollständig. Das geschah zu einem Zeitpunkt, als sich der Kapitalismus in seiner so genannten »reifen Phase« befand, charakterisiert durch beinah erreichte Vollbeschäftigung, einen noch nie zuvor da gewesenen Zuwachs an materiellem Reichtum und eine Perspektive allgemeinen Wohlstands, der eben mit dem Besitz materiellen Reichtums gleich war. Die Arbeit, als traurige, natürliche Notwendigkeit begriffen, um jenen Wohlstand herzustellen, fing an im Widerspruch zu stehen mit dem genauso natürlichen Streben aller Menschen danach, jenen Wohlstand zu genießen, also die eigene Lebensqualität zu verbessern. Die Arbeit war daher nicht mehr bloß der Ort der kapitalistischen Ausbeutung, sondern ein Hindernis für das Glück. Das Bewusstsein davon und die Einnahme einer antiproduktiven Haltung zur Verteidigung der eigenen Freiheit und Gesundheit bildeten praktisch bis Mitte der Siebziger Jahre die neue Grundlage des Widerstandes der italienischen Arbeiter gegen die produktive Autorität des Kapitalismus.

2) Die theoretisch-politische Intuition der Arbeitsverweigerung bestand darin, dass man dem revolutionären Streben einen völlig neuen Horizont gab. Die so genannte »ideologia gestionista« (aus gestire = leiten, kontrollieren, verwalten), sprich: der Anspruch der Arbeiterklasse darauf, die Kontrolle über die Produktion zu übernehmen, sei es in der autoritären Form der Verwaltung durch den »Arbeiterstaat«, sei es in der Form der freiheitlichen Selbstverwaltung durch die Arbeiter, wurde unter Anklage gestellt. Sämtliche sozialrevolutionären Traditionen teilten diesen Anspruch, doch diese Strategie sollte nun aufgegeben und durch eine neue Dimension des revolutionären Denkens, eine Dimension der radikalen Ablehnung abgelöst werden. Man begann, den Widerspruch zu erkennen, der dem Schema des Klassenkampfs innewohnt: Die so genannten »Klasseninteressen«, für die die Arbeiter kämpfen, sind organischer Bestandteil des Systems der Lohnarbeit, von dem sie sich eigentlich emanzipieren wollen. Indem der Arbeitsplatz verteidigt, erträglicher, menschenwürdiger gemacht wird, erfüllen die Arbeiter die ihnen im »Projekt des Kapitals« zugeteilte Funktion weiter, wenn nicht sogar besser. Sie werten sich selbst als Ware Arbeitskraft auf und tragen damit nicht im Geringsten dazu bei, die Gesellschaftsordnung abzuschaffen, die sie als subalterne Klasse produziert und reproduziert. So gesehen fügt sich jeder Syndikalismus, auch der radikalste, immer organisch in das System der Lohnarbeit ein, denn die Kämpfe, die eine Gewerkschaft führen kann, können nur innerhalb der Grenzen dieser Verwertung der Arbeit stattfinden: Wenn die Gewerkschaft den Arbeitsplatz verteidigt, verteidigt sie eigentlich die Arbeiter als Ware. Die Ware Arbeit wird ge- und verkauft und die Arbeiter sind die Ware, mit der die Gewerkschaft handelt. Über die Verteidigung der Lohnarbeit kann daher keine wahre Emanzipation erreicht werden.

Arbeitsverweigerung hieß vor allem Ablehnung jenes »Bewusstseins des Produzenten«, auf dem die sozialrevolutionären Bewegungen des 20. Jahrhunderts ihre Strategien gestützt hatten. Man nannte das »Ablehnung der (produktiven) Funktion«. Sowohl Kommunisten (orthodoxe und dissidente) als auch die Anarchosyndikalisten meinten, dass die Arbeiter das von dem Kapitalismus enteignete Produkt ihrer Arbeit wiederaneignen sollten. Um ihre Probleme zu lösen, sollten die Arbeiter als bewusste Gütererzeuger, also bewusst ihrer eigenen produktiven Funktion und stolz auf ihr »sapere operaio« (»Arbeiterkönnen«, »Arbeiterwissen«), danach streben, die Machtverhältnisse und die Kontrolle über die Produktion zu umkehren. Für Kommunisten hieß das Eroberung des Staates und Planwirtschaft durch den »proletarischen Arbeiterstaat«, für Anarchosyndikalisten und Rätekommunisten dagegen Selbstverwaltung durch die Arbeiter selbst. Jedoch die Produktionsverhältnisse umkehren heißt nicht die Produktionsweise des Kapitalismus, also die spezielle Organisationsart der menschlichen Arbeit, die die Lohnarbeit darstellt, abschaffen. Anfang der Sechziger Jahre begriff man den Kapitalismus als freien Markt und Privateigentum, denen man als Gegenmittel Planwirtschaft und Kollektiveigentum entgegengesetzt werden mussten, um die ungerechte Verteilung des Kapitals zu »korrigieren«. Jedoch war (und ist) der Kapitalismus vielmehr eine Organisationsweise der Anwendung menschlicher Energien, die auf Profit zielt. Die Übernahme der Kontrolle über jene Produktionsweise entlastet den Mensch nicht im Geringsten vom Produktionszwang. Die Fabrik, in der Menschen den größten Teil ihres Tages verbringen müssen, wird dadurch nicht abgeschafft. Dieses Umkehren der Produktionsverhältnisse beinhaltet nicht einmal im Ansatz, dass der Mensch mehr als ein Gütererzeuger bzw. ein Werkzeug zum Erzeugen von Gütern sein könnte. Und was wäre das dann für eine Emanzipation, wenn man unter veränderten Umständen dasselbe leisten muss? Man geht also davon aus, dass sich des Produktionssystems bemächtigen bzw. aneignen zu keiner wahren Emanzipation führen kann. Nur wenn die Arbeit abgelehnt wird, das heißt wenn der Arbeiter sich als Produzent negiert und die Erfüllung seiner produktiven Funktion verweigert, entzieht der Arbeiter dem Kapital den Boden und damit der Herrschaft über sich und die Gesellschaft.

Die Entscheidung für eine Dimension der Ablehnung der Arbeit hieß auch zweifellos ein Bruch mit der sozialistischen »Arbeitsgesellschaft«. In seinem 1970 bei Feltrinelli erschienenen Buch »Gegen die Arbeit« attackierte Franco Berardi, damals Mitglied der operaistischen Organisation Potere operaio und bis heute einer der repräsentativsten und aktivsten Vertreter des italienischen Anti-Arbeits-Gedanke, den Sozialismus als »internationale Organisation des Streikbrechertums« und verurteilte die Geschichte der Arbeiterbewegung als »Geschichte der Arbeit«:

Emotionslos müssen wir den Sozialismus als Teil der Geschichte des Kapitalismus, als Kontrollfunktion über die Arbeiter und zugleich als Funktion der Profitbildung erkennen. Die ganze sozialistische Ideologie muss als extreme Fäulnis des bürgerlichen Denkens entblößt und kritisiert werden – als Matsch, den man den Arbeitern serviert, um sie als Arbeiterpartei, als Partei der Verteidigung der Arbeit durch die kapitalistische Arbeitsorganisation zu kontrollieren. … Sozialismus-Entwicklung, Entwicklung-Akkumulation, Akkumulation-Planung, Planung-sozialistische Ideologie und Ideologie der Arbeiterverwaltung: Das ist der Teufelskreis, in den die Arbeiterklasse historisch … hineingesperrt wird ... Nicht die Frage der Befreiung der Arbeit muss gestellt werden, denn sie bedeutet gar nichts, außer eine ideologische Täuschung, sondern die Frage der Befreiung von der Arbeit.1

Lama Plakat Rom 1977, eine Persiflage auf die Aufforderung der Gewerkschaften »Opfer zu bringen«.

Die strategische Intuition der Arbeitsverweigerung traf im Laufe der Sechziger Jahre auf zahlreiche Individuen, die einerseits das Fließband als Verrohung und Entmenschlichung empfanden, und die andererseits den Traditionen und Organisationen der überwiegend kommunistischen Linken fremd gegenüberstanden, da sie aus Süditalien oder vom Lande kamen. Frei von der kulturellen Konditionierung durch die traditionelle Arbeiterbewegung und nur getrieben von diesem ungeduldigen Drang nach Befreiung von der Fabrik, pfiff diese neue Arbeiterbasis auf das Taktieren der Gewerkschaften sowie auf den Mythos der Fabrikbesetzung, an dem die Minderheit der älteren norditalienischen Arbeiter noch gebunden war. Die Zeiten des »Facharbeiters« in der Fabrik des Jahrhundertanfangs, der sich selbstbewusst mit seiner Funktion als Produzent identifizierte und in Folge dessen Anspruch darauf erhoben hatte, über die soziale Bestimmung seiner Arbeit zu entscheiden, lagen weit zurück. Die automatisierte Fabrik der Sechziger Jahre war ein asozialer, inhumaner Ort geworden, wo der Arbeiter – nicht mehr »Facharbeiter« aus Familientradition, sondern ein unqualifizierter Massenarbeiter, der keine Arbeitertradition kannte und keine Lust hatte, sich durch die Arbeit zu definieren – unterlag der despotischen Autorität des Produktionstempos. Standardisierung und mechanisch repetitive Arbeit nahmen ihm jegliche Kreativität und Identität. Sicherlich auch deshalb schien das Rätemodell, die Selbstverwaltung der Produktion nicht mehr anziehend. Warum die Kontrolle über die Fabrik übernehmen: Um sich etwa selbst auszubeuten, oder – wie man damals sagte – um »die Selbstverwaltung der Ausbeutung zu übernehmen?« Die Arbeiterklasse, hieß ein Slogan, soll nicht regieren: Sie soll verschwinden. Und denjenigen, die für eine Neuqualifizierung des Berufs des Fabrikarbeiters, das heißt die Rückkehr zu einer handwerklichen Dimension der Arbeit plädierten, antworteten viele Arbeiter, dass sie lieber an den Strand gehen. Die Produktionsstätte wurde spontan als Ort verurteilt, der sich nicht zum menschlichen Leben eignet: als unmenschliches Konzentrationslager. Und ein KZ kann man nur ablehnen – nicht selbstverwalten. Während und nach dem »Heißen Herbst« besetzten zwar immer wieder Arbeiterräte die großen Industriebetriebe des Landes. In Turin, Mailand, Porto Marghera waren diese so stark, dass sie in der Tat die Werke vollkommen kontrollierten. Doch jene Macht, die sie erlangten, basierte ganz deutlich auf Ablehnung. Bei Alfa Romeo in Mailand hatte sich die Fabrik zum Beispiel Mitte der Siebziger Jahre zu einer Art kleinen Stadt entwickelt, in der täglich nur noch zwei oder drei Stunden gearbeitet wurde. Den Rest der Zeit verbrachten die Arbeiter in fabrikinternen Bars, Friseurläden oder sie spielten Karten. Es gab sogar ein Pornokino. In manchen Fabriken ging es so weiter bis 1978, als die Roten Brigaden den Vorsitzenden der Christdemokraten Aldo Moro entführten und umbrachten und der italienische Staat beschloss, dieser »Arbeiterautonomie« ein Ende zu setzen und seine Autorität wiederherzustellen.

Besser als Selbstverwaltung kam die Parole estraneità, »Fremdheit« an: Fremdheit gegenüber der Profitlogik des Kapitals, gegenüber der »wissenschaftlichen Organisation der Arbeit« (die fordistisch-tayloristische Mechanisierung) sowie den Schlafstädten, wo Freizeit nichts als eine Zeit der Erholung der Kräfte war, die sich organisch in die Arbeit einfügte. Über diesen Begriff definierten die Arbeiter ihre innere Einstellung gegenüber der Fabrikarbeit:

Die Revolte des Massenarbeiters ist die Revolte des mechanisierten Menschen, der seine Mechanisierung buchstäblich nimmt und sagt: Also, wenn ich ganz entmenschlicht sein soll, wenn ich keine Seele, keinen Gedanken, keine Individualität haben darf, so werde ich es ganz und gar sein, entschieden, grenzenlos, unverschämt. Ich werde mit meinem Kopf nicht am Arbeitsprozeß teilnehmen. Ich werde fremd, kalt, distanziert sein. Ich werde brutal, gewalttätig und unmenschlich sein, wie der Kapitalist gewollt hat, daß ich so wäre. Ich werde so weit gehen, nichts, auch nicht ein Milligramm meiner Intelligenz, meiner Disponibilität, meiner Intuition an die Arbeit, an die Produktion zu verschwenden. Was die Philosophen als vom Arbeiter erlittene Entfremdung beschrieben hatten, verwandelt sich hier in gewollte, organisierte, beabsichtigte, kreative Fremdheit. Fremdheit will sagen: nicht ein Gramm Menschlichkeit für die Produktion. Die ganze Menschlichkeit für den Kampf. Keine Kommunikation und Kollektivität für die Produktion. Alle Kommunikation und Kollektivität für die Bewegung.2

Arbeitsverweigerung und Ablehnung der Arbeit erschöpften sich allerdings nicht in der Sabotage, das heißt in der bloßen Negation der Arbeitsleistung. Sie ließen sich auch nicht auf das einfache unmittelbare Genießen der Räume einschränken, die sich die Arbeiter durch ihre Praxis der permanenten und organisierten Insubordination eroberten. Das Ziel war die Abschaffung der Lohnarbeit. Wie nahm man dieses Ziel ins Visier und wie wollte man es erreichen? So kommen wir zum dritten Punkt: die Arbeitsverweigerung als philosophischer Ansatz, als Interpretationsschema der gesellschaftlichen und technologischen Transformation.

3) In den Sechziger Jahren erlebten die Theorien eines deutschen Soziologen namens Arnold Gehlen in Italien eine besondere Popularität. Laut Gehlen gibt es zwei grundsätzliche und entgegen gesetzte Einstellungen des Menschen zur Technik und technologischen Entwicklung. Eine negative Einstellung sieht die Technik als etwas, das den Menschen von der Natur entfernt und dessen Beziehung zur Natur irreparabel verändert. Eine zweite positive Einstellung dagegen, die Gehlen übrigens fördert, erkennt die Wurzeln der technologischen Entwicklung in der Veranlagung des Menschen, Mühe zu sparen. Der Mensch bringt die Entwicklung der Technik aus Instinkt weiter, weil er stets das größtmögliche Ergebnis mit dem geringst möglichen Aufwand erreichen will. Diese Idee, diese positive Einschätzung der Technik und deren Wirkung auf Menschenbild und Lebensqualität, gefiel den Theoretikern der Arbeitsverweigerung sehr. Die Ablehnung der Arbeit wurde dadurch zu einer Art Interpretationsschlüssel für eine Darstellung der gesellschaftlichen Dynamik und des historischen Wandels.

Die gesamte Geschichte der wissenschaftlichen, technologischen und produktiven Transformation kann gelesen werden als Ablehnung der Menschen, ihre Aufmerksamkeit, ihre Mühe, ihre Fähigkeiten und ihre Kreativität für die materielle Reproduktion zu verausgaben. Diese Ablehnung hat die Spaltung in Klassen produziert, einige lehnen die Arbeit ab und lassen andere an ihrer Stelle arbeiten und versklaven sie so. Das Prinzip der Ablehnung der Arbeit, das von der kollektiven gesellschaftlichen Intelligenz kontrolliert würde, könnte dagegen einen Gebrauch der Technik und der Maschinen verwirklichen, der in der Lage wäre, die Menschen von der Lohnsklaverei zu befreien.3

Im Rahmen einer Reflexion über die kapitalistische Anwendung der Technik für Profit, politische Kontrolle und militärische Macht stellte man sich die Frage, ob eine alternative allgemeinnützliche Anwendung der technologischen Möglichkeiten nicht realisierbar wäre. Eine Gesellschaft, die sich die Arbeitsverweigerung als ziviles Prinzip zu Eigen macht, könnte Technik und Maschinen anders einsetzen als die kapitalistische Gesellschaft, und zwar um die Menschen endlich von der Knechtschaft der Lohnarbeit zu befreien. Mit anderen Worten: Es gibt keine Revolution oder Selbstverwaltungslösung, die den Menschen vom Joch der körperlichen Anstrengung und der langweiligen Arbeiten entlasten bzw. emanzipieren kann. Nur Technik und Wissenschaft können das – wenn die Maschinen für den Menschen arbeiten und dieser das Produkt dieser Arbeit und seine freie Zeit genießen kann. Daher: Die Arbeitsverweigerung, die Ablehnung der eigenen produktiven Funktion, ist die Quelle der Technik, denn sie fördert den Evolutionsprozess der menschlichen Intelligenz, sie treibt das Wissen weiter und wendet dies an, um den Menschen von der Arbeit zu befreien. Wenn das Wissen, die menschliche Intelligenz, die in der Technik ruht, in den Dienst aller Menschen gestellt werden würde, in allgemeinnützlichen Formen eingesetzt würde, könnte man in der Lage sein, Freiheitsräume zu vermehren und die Zeit der notwendigen Arbeit, um das zu produzieren, was die Gesellschaft braucht, immer weiter zu reduzieren – bis zur vollständigen Befreiung der Menschen von der Arbeit.

Sabotage Fiat Karrosseriewerkstatt ca. 1968, Sabotage-Aktion der Arbeiter des Fließbands.

Arbeitsverweigerung bedeutet schlicht und einfach: »Ich will nicht zur Arbeit, weil Schlafen mir lieber ist.« Aber diese Faulheit ist die Quelle der Intelligenz, der Technologie und des Fortschritts.5

Die Lösung glaubte man zu finden, indem man eine Dynamik innerhalb des Kapitalismus und der Profitlogik erkannte, die von sich allein in Richtung Abschaffung der menschlichen Arbeit führt.

Die Ablehnung der Arbeit wurde begriffen als fundamentale Triebfeder der kapitalistischen Entwicklung. … Die Entwicklung ist im Kern ein Diebstahl der Innovationskraft der Arbeiter, kapitalistischer Diebstahl der Erfindung des Arbeiters, der, um in Ruhe eine Zigarette rauchen zu können, etwas findet, sein Arbeitsstück schneller zu machen. Die technologische Innovation ist eine kapitalistische Entdeckung, die versucht, ein Segment lebendiger Arbeit zu eliminieren, einen Operator, eine ganze Abteilung, einen leitenden Angestellten. Kurz, die technologische Innovation ist die notwendige Form, um Arbeit zu sparen. Sie ist die kapitalistische Antwort auf die Ablehnung der Arbeit. Muß also die Umstrukturierung, die Innovation, der technologische Sprung wirklich als Feind betrachtet werden? Enthält die Umstrukturierung nicht vielleicht das Versprechen der Freiheit, die Bedingung, um die lebenslange Abhängigkeit von der Arbeit zu reduzieren?5

... es ist gerade die Übernahme der produktiven Funktion durch die Maschine, die eine konkrete Chance für die Abschaffung der Arbeit bietet. Die Arbeiter sollten also nicht darauf zielen, die Entwicklung, die technologische Umstrukturierung, die ihnen die Arbeit nimmt, zu stoppen, sondern im Gegenteil sie sollen durch die massenhafte Praxis der Arbeitsverweigerung und der bewusst praktizierten, permanenten Unbotmäßigkeit das Kapital zum »technologischen Sprung« bringen, der sie von der Arbeit befreit. ...Zugleich müssen sie aber den »politischen Gebrauch« dieser Umstrukturierung durch das Kapital nicht zulassen. Sie müssen vermeiden, dass diese ein fortgeschrittenere Niveau der Repression werde. Das kann gelingen, wenn die Arbeiterklasse, das heißt die soziale Kraft, welche die Arbeit leistet und sie jetzt verweigert, ihren hohen Grad an Organisation bewahrt und eine alternative Anwendung der Technologie anstrebt.6

Je mehr arbeitsablehnender die Arbeiter auftreten, je unabhängiger sie von der Profitlogik agieren, desto größer wird der Druck auf das Kapital, auf die »unzuverlässige« menschliche Arbeit zu verzichten. Das Kapital muss das Risiko der Ungehorsamkeit und Unbotmäßigkeit, das die Profite beeinträchtigt, unbedingt verringern. Diese arbeitsbefreiende Dynamik im Kapitalismus können die Arbeiter durch ihre Arbeitsverweigerung sogar beschleunigen. Einerseits durch die Praxis der Arbeitsverweigerung, andererseits durch immer neue »unvernünftige« Lohnforderungen, die im offenen Widerspruch mit der Produktivitätsentwicklung stehen, wollte man die menschliche Arbeit zugleich finanziell untragbar, also zu teuer, und unregierbar auf der Ebene der Disziplin machen, indem man ein hohen Grad an organisierte Insubordination bewahrte. Das nannte man »Angriff auf die lebendige Arbeit« und der »Heiße Herbst« war wahrscheinlich der Augenblick größter Identifikation der Arbeiterbewegung mit dieser Strategie.

Was erreichte man damit? So sehr gewagt und visionär dieses subversive Projekt war, muss man heute gestehen, dass es, wenn auch nur in Teilen, umgesetzt worden ist. Ende der Sechziger Jahre hatten die Praktiken von Arbeitsverweigerung und die Verbreitung antiproduktiver Verhalten unter den Arbeitern das System der Fabrikdisziplin völlig zerrüttet und die Profite spürbar angegriffen. Hunderte von Millionen von gestreikten Arbeitsstunden und Massenabsentismusraten von bis zu 40 Prozent verursachten eine gewaltige Produktivitätskrise. Bei Fiat in Turin waren jeden Tag rund 20.000 Arbeiter unbegründet abwesend. Über die ganzen Siebziger Jahre mussten alle Großbetriebe des Landes durchschnittlich 275 ausgefallene Arbeitsstunden im Jahr, praktisch ein ganzen Monat, verkraften. Drohungen und repressive Maßnahmen durch Betriebsleitungen und Gewerkschaften brachten nichts. Nach dem »Heißen Herbst« verbreitete sich der Absentismus sogar in allen Wirtschafts- und Verwaltungsbereichen, mit besonderem Erfolg bei Beamten und Angestellten des öffentlichen Dienstes.

Vor diesem Zerfall der Rangordnung innerhalb der produktiven Stätten und vor dieser schweren Krise der Regierbarkeit, die die ganze Gesellschaft erfasste, sahen sich die Ökonomen und das »Gehirn« des Kapitals dazu gezwungen, schnellstens Lösungen zu finden, um die Produktivität zu reaktivieren. Da die Anwendung von Gewalt nicht in Frage kam, entschied man sich für eine weit greifende Umstrukturierung des gesamten Industriesystems sowie dessen Beziehung zur Gesellschaft und menschlichen Arbeit. Um den Antagonismus der Arbeiter zu entschärfen, begann man, das Gewicht der Arbeitskraft in der Produktion massiv zu verringern. Einerseits wurden kleinere und verstreute Produktionseinheiten geschaffen, die so genannte »fabbrica diffusa« (verstreute Fabrik), um große Konzentrationen von Arbeitermassen zu vermeiden. Andererseits erhöhte man das Gewicht von arbeitssparenden Maschinen in der Produktion, um die Macht der Arbeiterschaft zu reduzieren. Die technologische Umstrukturierung des produktiven Systems setzte in der Tat der Zentralität der materiellen Produktion in der Arbeitsgesellschaft ein Ende. Das Ziel, die Menschen von der wenig humanen Arbeit in der Fabrik zu befreien, schien also erreicht. Allerdings waren die politischen und sozialen Bedingungen, unter denen diese Transformation stattfand, weiterhin von den kapitalistischen Interessen beherrscht. Die drastische Reduzierung der Arbeitskraft erfolgte nicht, wie von den Arbeitsverweigerern gewünscht, im Interesse der Gesellschaft, sondern ausschließlich des Profits und der politischen Kontrolle. Der »technologische Sprung« produzierte jene strukturelle Arbeitslosigkeit, die unsere postindustriellen Gesellschaften bis heute charakterisiert. Die dadurch entstandene Spaltung der Bevölkerung in Beschäftigten und Arbeitslosen, abgesicherten Arbeiter und Prekären spielte eine zentrale Rolle in den Auseinadersetzungen der zweiten Hälfte der Siebziger Jahre.

Was war also schief gegangen? Ich glaube, dass die Gründe dieses Misserfolgs in dem zu engen Schema des Klassenkampfes zu suchen sind, in dem schließlich die Ablehnung der Arbeit gereift war. Die theoretische und praktische Grenze der Arbeitsverweigerung lag in ihrer ersten Phase in dem Subjekt selbst, der diese Verweigerung ausdrucken sollte, nämlich der Arbeiterbewegung, die in der Arbeit ihr konstitutives Moment hat. Ein Arbeiter, der im Rahmen des Klassenkampfes, der Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit, die Arbeit ablehnt, lehnt sich selbst als Arbeiter ab. Und sich selbst abzulehnen ist nie einfach. Nach den ersten Kündigungen, nach den ersten Effekten der Umstrukturierung und dann ab 1973 mit dem Beginn der Wirtschaftskrise glaubte die Arbeiterbewegung den Boden unter den Füßen zu verlieren. Die Grundlage ihrer Aktion und Organisation war ja schließlich die Arbeit – selbst wenn sie diese strategisch ablehnten. Die Arbeiterbasis fühlte sich in ihrer Existenz bedroht und die Bewegung verschanzte sich wieder in der Verteidigung der Arbeitsplätze. Die Gewerkschaften gewannen ihren Einfluss zurück und buchten für sich den größten reformistischen Erfolg des »Heißen Herbstes«: das Arbeitnehmerstatut von 1970.

Das geben manche ehrliche Operaisten heute gerne zu: Man verfehlte, jene Kämpfe als die »letzte große Schlacht« zwischen Arbeit und Kapital auf dem Boden der materiellen Produktion zu erkennen. Man verfehlte die Aufmerksamkeit rechtzeitig auf die Gesellschaft zu verlagern – auf die epochalen Transformationen der Arbeit und der sozialen Kontrolle, die sich in der Gesellschaft ankündigten. Man blieb stattdessen auf die Fabrik und auf das Idol des Arbeiters als großer Widersacher des Kapitals konzentriert. Der Kapitalismus dagegen war schneller: Indem er die Umorganisierung der Produktion einleitete, verzichtete er auf die Arbeiter, bevor diese auf ihn verzichten konnten. Was mich angeht, beweisen Ambiguität und Misserfolge der italienischen Arbeiterbewegung um 1970 bestens, dass das Schema des Klassenkampfes eine Falle und ein Hindernis auf dem Weg zur Emanzipation von der Lohnarbeit darstellt. Schließlich waren die Befürworter der Arbeitsverweigerung in Italien Ende der Sechziger Jahre darüber im Klaren, dass der Sozialismus zumindest auf kultureller Ebene ein genau so großes Hindernis zur Abschaffung der Arbeit darstellt, wie der Kapitalismus – wenn nicht gerade ein größeres. Die Erfahrung der darauf folgenden Generation brachte diese Wahrheit vollkommen zum Ausdruck.

Lavoro Di Merda »LAVORO DI MERDA« (»Scheiß Arbeit«) Wandgrafitti auf einer Mauer in Turin gegenüber der FIAT-Werke Ende der Siebziger Jahre. Fotograf: Dario Lanzardo

Mitte der Siebziger Jahre fand die Ablehnung der Arbeit seine »vollkommene Generation«. Mit der Jugend- und Studentenbewegung von 1977, die aus dem Konzept der Ablehnung der Arbeit, »ein Element der eigenen kulturellen, sozialen und politischen Identität machte«, verließ die Arbeitsverweigerung die bedrückende Dimension der Fabrik und bekam eine neue, weniger ökonomische und mehr existentielle und individualistische Qualität. Die 77er Bewegung ist als ein zweites, radikaleres, ketzerischeres, verzweifeltes, zerstörerisches und zugleich kreativeres ’68 in die italienische Geschichte eingegangen. Sie hatte ihre Hochburgen in Rom, Bologna, Mailand und Turin. Es gab einen kreative Flügel, die so genannten Mao-Dadaisten, die Stadtindianer, die Feministen, die Schüler und Jugendliche der Circoli proletari, die ersten besetzten Häuser, und schließlich einen »bewaffneten« Flügel, die Autonomen und die »Verehrer der Pistole P-38«. Dieser weitere Aufbruch, fast zehn Jahre nach dem »Heißen Herbst«, entstand allerdings aus der Kombination zweier ganz neuer Elementen, die mit ’68 entweder in Widerspruch standen oder gar nichts zu tun hatten.

Erstens, die so genannte »Krise der Militanz«, die Flucht aus den Kollektiven. 77 war ein Wiederaufleben jenes antiautoritären und libertären Geistes von 1968, der jahrelang von den autoritären Bürokratien und Parteilinien der zahlreichen kleinen marxistisch-leninistischen Gruppen erstickt worden war. Also ein freiheitliches Bedürfnis nach individueller Identität. Zweitens, die Rezession, die Wirtschaftkrise und die Veränderungen der Arbeit, die sich bis heute vollzogen haben. Mitte der Siebziger Jahre erlebte man die Massenarbeitslosigkeit, die zum ersten Mal nach zwanzig Jahren Wirtschaftsexpansion wieder in Erscheinung kam. Doch diese Generation hatte keine Ambiguität mehr in ihrer Einstellung: Die Ablehnung der Arbeit der Sechziger Jahre war im wesentlichen Sabotage gewesen – Verweigerung, der Arbeit durch die Arbeiter. Jetzt kam aber die Verweigerung von dem Arbeitslosen, dem jungen Studenten mit ungewisser Zukunft, dem gelegentlichen Schwarzarbeiter, von so genannten »neuen Subjekten«, die zwar keinen (festen) Arbeitsplatz, doch dafür Zeit hatten. Und diese Zeit wollten sie auch für sich behalten.

Die rebellierende Jugend von 1977 begriff die ganze Dramatik der Krise der industriellen Arbeitsgesellschaft und des Übergangs zu einer noch ungewissen postindustriellen Gesellschaft. Eine Idee prägte die Sensibilität dieser Generation, und zwar, dass neue mögliche Formen des Zusammenlebens bereits im Kern in der untergehenden Gesellschaft der Lohnarbeit existieren. Diese unmittelbaren, spontanen Formen der sozialen Beziehung warteten nur darauf, von der Unterdrückung durch die Lohnarbeit befreit zu werden. Da dies nicht geschah, explodierten sie nun in Form eines Aufstandes gegen Arbeit und Arbeitsmoral. Lohnarbeit wurde offen als Lebensenteignung angeklagt. Aber auch die so genannte »Freizeit« sollte befreit werden, denn diese fügte sich als für Erholung und Konsum bestimmte Zeit in die Arbeit organisch ein. Nur wenn man die Arbeit ablehnte und ihre Abschaffung anstrebte, glaubte man, den eigentlichen Reichtum der Gesellschaft, die Vielfalt an Möglichkeiten der sozialen Beziehungen, die die Disziplinierung durch die Lohnarbeit unterdrückt und gefangen hält, endlich freilassen zu können. Daher die Parole: riprendiamoci la vita – Nehmen wir uns das Leben zurück. Die Bewegung von 1977 produzierte auch eine Art Literatur der Arbeitsverweigerung und des Widerstandes gegen die Arbeitsmoral. Die aktivsten waren eben die Bologneser. Radio Alice, die Mutter aller italienischen Piratensender, begann jeden Morgen seine Sendungen mit einem Lied des Musikers Enzo del Re, das alle dazu aufrief, »langsam zu arbeiten«, »sich keine Mühe zu geben« und die eigene Gesundheit vor der Schädlichkeit der Arbeit zu schützen – LAVORARE CON LENTEZZA. Die Wände aller Großstädte waren durchsät von Schriften, Wortspielen und Sprüchen gegen die Lohnarbeit und die Institutionen der Arbeit. Der berühmteste Spruch von allen war:

Lavoro Zero »LAVORO ZERO REDDITO INTERO TUTTA LA PRODUZIONE ALL'AUTOMAZIONE« (»Null-Arbeit bei vollem Lohn, die Automation der ganzen Produktion«) Wandgrafitti auf einer Mauer in Bologna.

»Lavoro zero, reddito intero, tutta la produzione all’automazione«

»Nullarbeit bei vollem Lohn, die ganze Produktion der Automatisierung«

In den zahlreichen Zeitschriften der Bewegung häuften sich ironische und bittere Gedichte und Texte gegen die Arbeit an, in denen eine für mich faszinierende Mischung von Euphorie und Bewusstsein der anstehenden großen Repression, die diese Bewegung charakterisierte, zum Ausdruck kam.

Wenn die Umstrukturierung den Arbeitsmarkt unbeständig machte und sich eine neue produktive Ordnung abzeichnete, in der sich die Arbeitstätigkeit als prekär, zeitweilig und in ihren körperlichen und geistigen Tätigkeiten austauschbar zu charakterisieren begann, so machten die Subjekte von 1977 dieses Terrain extremer Mobilität zwischen verschiedenen Arbeiten und zwischen Arbeit und Nichtarbeit zu ihrem eigenen Terrain, indem sie die Arbeitstätigkeit eher als etwas Gelegentliches denn als konstitutives Fundament der eigenen Existenz ansahen. Anstatt auf einen »festen Platz« fürs Leben in der Fabrik oder im Büro zu drängen und dafür zu kämpfen, werden auch andere Möglichkeiten ausprobiert, sich ein Einkommen zu schaffen. Für diese Subjekte wird Mobilität in Bezug auf die Arbeit von einer aufgezwungenen zu einer bewußt gewählten und gegenüber der achtstündigen, garantierten Arbeit fürs ganze Leben privilegierten Form. … Es ist daher verständlich, daß der 77er Bewegung die ganze Tradition der historischen Arbeiterbewegung, gegründet auf die Ideologie der Arbeit, nur zutiefst fremd und objektiv feindlich erscheinen konnte; als Feind der eigenen Bedürfnisse, die durch die außerordentliche Entwicklung der Produktivkräfte gereift waren, um das Leben von der Sklaverei und der Erpressung der Kommandoarbeit zu befreien. Der Zusammenstoß war unausweichlich, und er war hart.7

Die Ablehnung der Arbeit der 77er Bewegung prallte frontal mit dem entschlossenen und zu allem bereiten Widerstand der Verteidiger der »Arbeitsgesellschaft« und der Arbeitsmoral zusammen. Die zähsten und kompromisslosesten von diesen waren die Kommunisten der KPI, die gerade dabei waren, im Rahmen des »historischen Kompromisses« mit ihren christdemokratischen Erzfeind ihre Legitimation als regierungsfähige, demokratisch glaubwürdige Partei zu erhalten. Als »Gegenleistung« musste die KPI »die Rolle des Garanten im sozialen Konflikt« übernehmen. Es ging vor allem darum, Italien aus der Produktivitätskrise herauszuholen, und das konnte nur durch eine »Allianz der produktiven Kräfte« geschehen. Die größte Arbeiterpartei Italiens garantierte, dass die Arbeiter Opfer bringen würden, um die Produktivität wiederherzustellen. Die kommunistischen und sozialdemokratischen Gewerkschaften übernahmen dagegen die Aufgabe der Disziplinierung der Arbeitbewegung und der »Eliminierung jeder nicht kontrollierten oder unkontrollierbaren Arbeiteropposition«. Das hieß harte Bekämpfung von Absentisten, Saboteuren und Arbeitsverweigerern.

Eine Art Kulturkampf entbrannte. Die historische Linke verstand die Bewegung von 1977 als ein Haufen gefährlicher Ausgegrenzter, als marginalisierte Subproletarier, die das System der produktiven Arbeit und die Sicherheiten der Arbeiteraristokratie gefährden konnten. Sie beschimpfte sie als neofaschistische Banden, als Feinde der Demokratie. Die Bewegung dagegen verhöhnte die Institutionen der Arbeiterbewegung, ihre Rhetorik und Verantwortungsbewusstsein. Prekär ist schön, schrien sie ins Gesicht derjenigen, die sich um die Rettung von Arbeitsplätzen bemühten. Aus sozialer Ausgrenzung und Marginalisierung machten sie eine bewusst gewählte »feindselige Fremdheit« gegenüber der Merzifizierung des Menschen durch die Lohnarbeit und lebten ihre neuen Formen des Zusammenlebens unmittelbar. Der Zusammenstoß zwischen Gegnern und Verteidigern der Arbeit eskalierte. Zwei Ereignisse sind zum Symbol jenes merkwürdigen »zweiten ’68« geworden: Die Vertreibung von Luciano Lama, Chefs der kommunistischen Gewerkschaft, im Februar 1977 durch Stadtindianer und Autonomen aus der Universität Rom nach einer Massenprügelei »unter Genossen«, und der Aufstand der 77er Bewegung in dem »roten« Bologna, dem Juwel der kommunistischen Verwaltung. Die Panzer der Armee mussten das Universitätsviertel räumen: eine Schmach für die von der KPI gefeierte »freieste Stadt Europas«.

Stadtindianer Bologna 1977, Demonstration der Stadtindianer.

Und jetzt ein paar abschließende Bemerkungen. Was lerne ich aus diesen italienischen Erfahrungen mit der Arbeitsverweigerung und der Ablehnung der Arbeit? Wie kann man diese Erfahrungen auf die heutige Zeit übertragen? Warum glaube ich, dass die Arbeitsverweigerung eine anarchistische Strategie und die Abschaffung der Lohnarbeit ein anarchistisches Ziel darstellen sollten?

Was mir von einem Teil der italienischen antiinstitutionellen Bewegungen der Nachkriegszeit am meisten gefällt, ist der desillusionierte Abschied vom Mythos der Revolution als Umsturz und Eroberung der Staatsmacht. Der soziale Wandel, die Transformation der Gesellschaft kann nur als alltäglicher Prozess konzipiert werden, der vom Individuum ausgeht. Il personale è politico, sagte die Generation von 1977 – das persönliche, das individuelle, nicht bloß das kollektive, ist politisch. Insofern können Begriffe wie Befreiung oder Emanzipation nur eins heißen: Das ständige, unaufhörliche Streben von jedem von uns nach konkreter besserer Lebensqualität – für sich selbst und für alle. Und bessere Lebensqualität kann nach meinem Verständnis nur eins heißen: Mehr Selbstbestimmung, keine Fremdbestimmung. Das ist das Ziel, das ich in der Abschaffung der Arbeit sehe: konkrete bessere Lebensqualität, mehr Möglichkeiten für die freie Selbstfindung und die geistige Selbstentfaltung des Individuums, Wegfallen von Zwängen, die den Aufbau von sozialen und interpersonellen Beziehungen einschränken, verarmen, stören oder für Fremdzwecke ausnutzen. Da Anarchisten jegliche Fremdbestimmung grundsätzlich ablehnen, ist die Ablehnung von Lohnarbeit zweifellos ein »uranarchistisches« Thema.

Lohnarbeit soll abgelehnt werden, als:

- Hindernis zum Glück, zur individuellen und kollektiven Emanzipation

- Enteignung von Lebenszeit, existentielle Verarmung

- Ausbeutung im Sinne von Verheizung körperlicher und geistiger Kräfte eines jeden Menschen für Profite

Nocivita »Gegen die Schädlichkeit Arbeit« Rückeroberung von Zeit und Leben.

Die Bewegung von 1977 wurde nicht nur durch den Staat mit brutaler Gewalt unterdrückt. Sie wurde sozusagen »zur Arbeit gebracht«. Aus ihren Reihen sind etliche Manager der heutigen Kulturindustrie, führende Publizisten, Kolumnisten, PR, Pressesprecher, Werbegraphiker und Unternehmensberater entstanden. Die Generation, die sich weigerte, ihre kreative Intelligenz in den Dienst der materiellen Produktion zu stellen, hat diese Intelligenz schließlich in den Dienst einer ganz neuen Dimension der Ausbeutung, der immateriellen Produktion gestellt. Auf die neuen Jobs der Achtziger und Neunziger Jahre haben sich viele aus der ehemaligen Bewegung sogar mit Begeisterung gestürzt, in der Überzeugung, dass das Ende der Herrschaft der materiellen Produktion über die Gesellschaft auch das lang ersehnte und beinah mythisierte »Ende der Arbeit« bedeutete. Doch die Arbeit war alles andere als beendet oder »ausgegangen«. Mit dem Übergang zur so genannten postindustriellen Gesellschaft hat das Kapital seine Herrschaft von der Produktionsstätte auf die Gesellschaft verlagert bzw. ausgedehnt. Dadurch ist alles, jeder Bereich des menschlichen Lebens ins Joch der Profitlogik, der Gewinnmaximierung, des Konkurrenzdenkens gezwungen worden. Das Kapital schöpft heute aus dem Vollen unserer individuellen Fähigkeiten und Veranlagungen, macht Umsätze aus den interpersonellen Beziehungen, aus unserem Lächeln und zwischenmenschlichen Umgangsformen. Das Kapital braucht heute immer »reichere« Individuen – reich an Wissen, Bildung, Kommunikationsfähigkeit, Ausdruckskraft, Lebenserfahrungen. Doch die immaterielle Arbeit ist nicht »edler«, lebenswerter, geschweige denn freier als die materielle. Ich bin weit davon entfernt, die Generation von 1977 als Verräter ihrer eigenen Ideale zu verurteilen. Wir müssen aber von unserer heutigen Lage ausgehen und die Praxis der Arbeitsverweigerung an die Transformationen der Arbeit anpassen. Die Ablehnung der Arbeit war lange Zeit in Italien als Ablehnung der inhumanen, langweiligen und gesundheitsschädigenden Fabrikarbeit konzipiert. Heute soll sich die Ablehnung der Arbeit aber auch massiv gegen die Ökonomisierung aller Lebensbereiche und gegen die imprenditorializzazione des Individuums wenden. Die Arbeitskultur von heute verlangt nicht mehr (nur) »Arbeit nach Vorschrift«, sondern immer häufiger individuelle Initiative, sprich: unsere Anteilnahme, unsere intellektuelle und emotionale Verwicklung in die Arbeit. Der innere, bewusste Widerstand gegen diese Forderung sollte also dann meiner Ansicht nach der erste Schritt für den Aufbau einer zeitgemäßen Kultur gegen die Arbeit darstellen. Im Laufe meines Vortrags habe ich von einer subversiven und kreativen Praxis der Arbeitsverweigerung als emanzipatorische Strategie gesprochen. Was meine ich damit? Jeder sollte den eigenen persönlichen Weg finden, um der Arbeit das zu verweigern bzw. entziehen, was er am teuersten und wertvollsten hat: sich selbst. Das heißt: der Arbeit Anteilnahme verweigern, kreative Intelligenz entziehen, die Spaltung zwischen Arbeit und Leben vertiefen, damit sich die erstere nicht mit dem zweiten harmoniert – dem Zwang offenbart. Die Zeit, die die Arbeitsherrschaft uns frei lässt, soll wirklich unsere Zeit sein: Verwenden wir sie also nicht, um uns für die Arbeit fortzubilden, um uns Wissen anzueignen und Erfahrungen zu sammeln, die nur unsere Leistungsfähigkeit verbessern. Lernen wir keine Fremdsprachen, nur um größere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben und pflegen wir auch kein Hobby, nur um uns abzulenken, um das Bewusstsein des Zwanges, mit dem wir zu tun haben, auszublenden. Lehnen wir alles ab – Mobilität, Flexibilität, immer erreichbar sein, usw. –, was unser Leben für die Arbeit strukturiert. Lehnen wir auch, wenn möglich, Posten und Anerkennungen ab, die uns weiter in das System der Arbeit integrieren. Die einzige Anerkennung, die uns interessieren sollte, ist die, die wir in vollkommen selbst bestimmten Tätigkeiten finden können, welche schließlich auch die einzigen Tätigkeiten sein sollten, die unseres volles Engagement und unsere Anteilnahme verdienen.

Die Kritik der (Lohn-)Arbeit ist alt, sie hat Geschichte und Tradition. Wenn ich von »Abschaffung der Arbeit« und »Befreiung von der Lohnarbeit« spreche, meine ich konkret die Abschaffung des Leistungszwangs und die Auflösung der Bindung des Existenzrechts der Menschen an die Verwertung ihrer Arbeitskraft. Nur das wäre für mich reale Emanzipation. Alle anderen Perspektiven von Wiederaneignung der Arbeit – Formulierungen gibt es viele: »Befreiung der menschlichen Arbeit«, »der Arbeit wieder Sinn geben«, »die Arbeit in das Leben zurückführen«, usw. – scheinen mir bloß ein Taschenspielertrick zu sein. Sämtliche »Wiederaneignungs-Perspektiven« fußen auf dem alten Begriff der Arbeit als Lebensbedürfnis, als natürliche Beziehungsform zwischen dem Menschen und der Natur. Ich glaube, dass man heute einen berechtigten Anspruch darauf erheben sollte, diesen Begriff des 19. Jahrhunderts durch einen zeitgerechteren Begriff abzulösen. Die Reihenfolge Arbeit/Wert schöpfen/Anspruch auf Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum/Aufteilung des gesellschaftlichen Reichtums ist kein Naturgesetz. Deshalb scheint mir die Forderung danach vollkommen berechtigt zu sein, dass alle Menschen Zugang zum zunehmend ohne Einsatz menschlicher Arbeitskraft produzierten Reichtum haben dürften, ohne etwas dafür leisten zu müssen. In der Praxis übertragen heißt das allgemeine Grundsicherung der materiellen Existenz und die konkrete Chance für alle, überleben zu dürfen ohne sich ständig verkaufen zu müssen. Ich habe nichts dagegen, wenn es Menschen gibt, die es lieben zu arbeiten. Ich selber gehe auch bestimmten »produktiven« Tätigkeiten sehr gerne nach. Ich würde mich aber erst wirklich frei fühlen, wenn ich in einer Gesellschaft leben könnte, die mir gestattet, völlig unbezwungen zu entscheiden, ob ich Lust habe, etwas zu tun/leisten oder nicht bzw. meine »Faulheit« zu genießen und meine Biographie so zu gestalten, wie es mir passt. Ich glaube nicht, dass ohne Arbeitszwang das soziale Leben zum Erliegen kommen würde. Ganz im Gegenteil. Jeder würde sich frei für oder gegen die Aufnahme einer Arbeitstätigkeit entscheiden können. Ein lockerer Umgang mit produktiven Tätigkeiten würde sich dann entwickeln, Leistungsdruck und Erpressung würden damit ausbleiben. Wer Arbeit um ihrer Selbstwillen leistet, kann dies schließlich auch mit Grundsicherung tun – bei Arbeitskräftemangel wahrscheinlich sogar mit höherem Lohn. Also von einer Aufhebung des Arbeitszwanges hätten eigentlich alle, die »Fleißigen« sowie die »Faulen«, nichts zu verlieren und viel zu gewinnen.

* * *

1 Franco Berardi, Contro il lavoro (Gegen die Arbeit), Mailand 1970

2 Nanni Balestrini/Primo Moroni, Die goldene Horde, Berlin 2002 (Italienische Originalausgabe unter dem Titel: L'orda d'oro, Mailand 1988)

3 Ebenda

4 Franco Berardi, Il sapiente, il mercante, il guerriero, Rom 2003

5 Nanni Balestrini/Primo Moroni, Die goldene Horde, Berlin 2002 (Italienische Originalausgabe unter dem Titel: L'orda d'oro, Mailand 1988)

5 Ebenda

6 Franco Berardi, Contro il lavoro (Gegen die Arbeit), Mailand 1970

7 Nanni Balestrini/Primo Moroni, Die goldene Horde, Berlin 2002 (Italienische Originalausgabe unter dem Titel: L'orda d'oro, Mailand 1988)

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