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Alexandra Schwell: Anarchismus und Alternativkultur Alltag und Lebensrealität polnischer AnarchistInnen

Eine Veranstaltung in der Bibliothek der Freien am Freitag, 6. Dezember 2002 [Ankündigung hier]

Ich beziehe mich in meinem Vortrag in erster Linie auf mich selbst, und zwar auf meine Magisterarbeit mit dem Titel »Anarchie ist die Mutter der Ordnung - Alternativkultur und Tradition in Polen«, die ich auf der Grundlage einer halbjährigen Feldforschung in Poznan geschrieben habe. Auf der einen Seite möchte ich einen allgemeinen Einblick in polnischen Anarchismus und Alternativkultur geben und nicht zuletzt den, vor allem bei Westdeutschen, immer noch gängigen Stereotypen begegnen, in Polen regne es immer, alles sei grau und die Leute weinten den ganzen Tag. Zum anderen möchte ich die spezifischen Ausprägungen polnischer Alternativkultur betrachten, und das insbesondere im Hinblick auf ihr Verhältnis zum Staat.

In bezug auf Stil, Selbstbeschreibung und -bewußtsein wurde polnische Alternativkultur auf den ersten Blick zur Gänze aus dem Westen importiert. Der genauere Blick zeigt jedoch, daß hier keine originalgetreue Kopie westeuropäischer Stile vorliegt. Der Grund hierfür liegt in der spezifischen historischen, gesellschaftlichen, sozialen und politischen Konstellation des Landes, denn Alternativ- und Gegenkultur kann nicht getrennt von ihrem Kontext betrachtet werden. Ich werde nun also versuchen, das in einem Rundumschlag zu erläutern

Poznan

Die Stadt Poznan [Posen] hat als Hauptstadt der Wojewodschaft Wielkopolska, »Großpolen«, ca. 600 000 Einwohner und liegt genau auf halbem Weg zwischen Berlin und Warschau. Poznan war zur Zeit der Teilungen preußisch und die Region Wielkopolska später unter dem Namen »Warthegau« deutsch besetzt. Den Einwohnern der Region Wielkopolska wird im Rest des Landes nachgesagt, sie seien die »Preußen Polens« und zeichneten sich durch langweilige und unsympathische Eigenschaften wie Ordnungsliebe, Pünktlichkeit und Humorlosigkeit aus. Poznan ist im Ausland weniger wegen seiner touristischen Reize bekannt. Die Stadt beherbergt die größte Messe des Landes und bemüht sich, laut einem Stadtführer für Business-Reisende, durch die Ansiedlung von Banken das »Zürich des Ostens« zu werden. Poznan ist eine vergleichsweise reiche Stadt, hier findet sich das höchste Pro-Kopf-Einkommen in ganz Polen. Daraus folgen jedoch auch vergleichsweise hohe Lebenshaltungskosten und Mieten.

Die Poznaner Sektion der Federacja Anarchistyczna, der Anarchistischen Föderation, trifft sich im besetzten Haus »Rozbrat«, das seit 1994 besteht und ohne Umschweife als Zentrum der lokalen alternativen Szene bezeichnet werden kann. »Rozbrat« ist kein Haus im wörtlichen Sinn, sondern eine Ansammlung von Baracken. Ehemals befand sich in den Gebäuden eine Fabrik zur Herstellung von Ziegelsteinen. Das Gelände ist für Investoren nicht attraktiv, es liegt abgelegen von der Straße zwischen Bahnlinie und Schrebergärten und ist nur über einen langen holprigen Pfad zu erreichen. Von der Straße aus ist das Haus so auch nicht zu erahnen. Im Unterschied zu den farbenfroh bemalten ehemals besetzten Häusern Berlins gibt es nicht einmal ein Willkommen-Schild. Zu »Rozbrat« gehören neben den Wohnräumen der Klubraum der FA, eine Kneipe, Konzerträume, es gibt Werkstätten und Räume für Bandproben. Die Hauptattraktion scheint, neben den Konzerten, die Anarchistische Bibliothek zu sein. Etwa 500 Personen sind dort nach Angaben der diensthabenden Anarchisten eingeschrieben.

Rahmenbedingungen

Protestverhalten jeglicher Couleur, sei es als jugendliche Sturm-und-Drang-Phase oder die konkrete Infragestellung der gesellschaftlichen Verhältnisse, orientiert sich an denselben kulturellen Leitlinien wie das konforme Verhalten. Nonkonformität ist ebenso kultur- und gesellschaftsspezifisch wie Konformität. Protest, der sich nicht von der sozialen Wirklichkeit leiten läßt, wird ganz schlicht und einfach nicht verstanden und kann somit keine Wirkung entfalten. Aus diesem Grund soll im Folgenden erläutert werden, welches der Rahmen ist, innerhalb dessen sich polnische Alternativkultur bewegt und ihr Handeln und ihre Spezifik im Unterschied zu Westeuropa erst verständlich werden.

Als augenfälligstes Merkmal steht an dieser Stelle der Umstand, daß es sich bei Polen um ein Transformationsland handelt, Polen also eins der Länder ist, die nach dem Zusammenbruch des Ostblocks einen Demokratisierungsprozeß und den Übergang in die Marktwirtschaft begannen. In der »westlichen« Wahrnehmung werden gerne sämtliche ehemaligen Ostblockländer in einen Topf geworfen. Durch das Label »postkommunistisch« werden nationale kulturelle und historische Unterschiede unter den Tisch gekehrt, da häufig angenommen wird, daß diese durch den Sozialismus ohnehin verwischt wurden. Polen spielte jedoch eine Sonderrolle im Ostblock. Die polnische Variante des Staatssozialismus zeigte einige spezifische Charakteristika im Unterschied zu ihren Nachbarn. Die Landwirtschaft blieb fast völlig in privater Hand, die Kirche behielt weitgehend ihre Unabhängigkeit und büßte kaum an Integrationskraft ein, und es gab in Polen wahrscheinlich weit mehr intellektuelle und kulturelle Freiheiten als im Rest des Ostblocks. Es kann keine Rede davon sein, daß der Sozialismus die traditionellen Kulturmuster ersetzt hätte, und das gilt insbesondere für Polen, wo eine lateinisch/katholische Kulturtradition dominierte und gegenüber Rußland, zumindest seit dem 18. Jahrhundert, eine traditionelle Abwehrhaltung bestand.

In Anbetracht der Tatsache, daß die Proteste der polnischen Arbeiter in den Jahren 1956, 1970, 1976 und 1980 vor allem Repressionen und wenig Verbesserungen für die Bevölkerung nach sich gezogen hatten, zog es die Mehrzahl der Polen vor, sich gegenüber der staatlichen Ideologie passiv resistent zu zeigen und ihr Leben, so weit dies möglich war, ohne die Einbeziehung des Staates zu gestalten und sich von ihm nicht in die Karten schauen zu lassen. Die augenscheinliche Apathie der Polen, die gerade in den 80er Jahren nach dem Schock der Verhängung des Kriegsrechtes um sich griff, betraf demnach vor allem die Beteiligung am offiziellen öffentlichen Leben, der Privatbereich blieb davon, so weit es möglich, unberührt.

Die Wende im Jahr 1989 wirft einen großen Teil der Bevölkerung aus der Bahn. Die Wende ist vor allem auf Anstrengungen der mittleren und älteren, nicht auf die der jüngeren Generation zurückzuführen. Nicht zu Unrecht als »Samtene Revolution« bezeichnet, war sie kein plötzlicher revolutionären Umsturz, sondern hatte evolutionären Charakter. Gespräche an Runden Tischen erfordern allerdings eher weit- und umsichtige Akteure als jugendliche Hurra-Revolutionäre. Die jüngere Generation war so auf eine rezipierende Beobachterrolle verwiesen. Damit ist es kaum verwunderlich, daß der Enthusiasmus und die neuen Hoffnungen, die in den Wendezeiten aufgebaut und durch fehlende Handlungsmöglichkeiten gebremst wurden, gerade bei Jugendlichen schließlich in einem Gefühl der Resignation, Frustration und dem Rückzug ins Private mündeten. Sie ziehen vor, sich um sich selbst und ihre nächste Umgebung kümmern, gesellschaftspolitische Mißstände bleiben damit auf der Strecke. Einer meiner Interviewpartner formulierte dies folgendermaßen:

Wenn du ein Problem mit deinem Job hast, mit Geld, mit Wohnung, mit Essen, dann denkst du erst mal an dich selbst, daran, was du zum Leben brauchst. Und dann erst denkst du daran, gegen globale Gefahren zu protestieren. Wenn man in Polen Sozialhilfe bekommen würde, dann wäre die Subkultur hier viel größer, weil es einfacher wäre. Nicht acht Stunden Arbeit in der Fabrik, nicht den ganzen Tag nach einem Job suchen müssen. Aber es ist wirklich einfach, gegen das System zu kämpfen, wenn man eine goldene Visa-Card hat.

Der prekären Finanzlage des polnischen Staates ist es beispielsweise zu verdanken, daß Arbeitslosen- und Sozialhilfe seit der Wende schrittweise reduziert wurden, so daß ein Arbeitsloser heute nach drei Monaten staatlicher Unterstützung buchstäblich mit nichts dasteht. Rund 18% Arbeitslosigkeit geben nicht zu Hoffnung auf Besserung Anlaß. Hinzu kommt der fortschreitende Vertrauensverlust in die politischen Eliten und die katholische Kirche und das Ohnmachtgefühl angesichts der gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Lage. Dominant ist ein politischer Zynismus, Desillusionierung und das Gefühl, von den Politikern auf Kreuz gelegt zu werden, ohne sich imstande zu sehen, etwas daran zu ändern. Die Wende war also nicht der Startschuß für eine neue Generation politisch interessierter Staatsbürger. Sie verstärkte vielmehr den Rückzug aus der gesellschaftlichen Aktivität. Die politische Gleichgültigkeit und der Rückzug ins Private sind der am häufigsten gewählte und gleichzeitig ein gesellschaftlich ausdrücklich akzeptierter Weg, wenn man von den paar polnischen Jugendsoziologen einmal absieht, die dieses Phänomen bemängeln.

Wenn ich also Alternativkultur betrachte, dann nehme ich den Teil heraus, der sich nicht gänzlich auf sein Privatleben zurückzieht. Die Personen, um die es hier geht, fühlen eine Verantwortung für Dinge, die sich außerhalb ihres unmittelbaren Dunstkreises abspielen, und zum anderen wollen sie sich nicht mit dem zufriedengeben, was die polnische Gesellschaft ihres Erachtens als Normalbiographie für sie bereithält. Unsicherheit, Unzufriedenheit mit der eigenen und der gesellschaftlichen Situation, sowie das, banal gesprochen, diffuse Gefühl, daß gerade irgend etwas gewaltig schief läuft, führen bei ihnen nicht zu Resignation und Rückzug, sie wollen sich ausdrücklich einmischen und laut aussprechen, was ihnen nicht paßt.

Sehr kurze Geschichte der Federacja Anarchistyczna

Anarchisten erschienen in Polen als eigenständige Subkultur Mitte der 80er Jahre, als die »Bewegung der alternativen Gesellschaft - Ruch Spoleczenstwa Alternatywnego RSA« und »Freiheit und Frieden - Wolnosc i Pokój« entstanden. Die Gruppen entstanden in einer Zeit, als der gesellschaftliche Protest nach der Verhängung des Kriegsrechts 1981 zwar vorerst erstickt schien, sich aber zunehmend schleichend institutionalisierte und zur Wende im Jahre 1989 führte. Die Protagonisten dieser frühen Jahre waren sich über ihren ideologischen Hintergrund zu Beginn noch nicht einmal im klaren und erfuhren erst später davon, daß sie ja eigentlich Anarchisten sind. So beschreibt Janusz Waluszko, der bis heute aktiv ist und auch gern der »Papst des Anarchismus« genannt wird, die Situation um 1980 etwas pathetisch: »Wir waren radikal unabhängig, offen für Ansichten, Ausdrucksformen und Themen aller Art. Außerdem betraten wir unbetretene Pfade - damals gab es in Polen keine alten Anarchos, und die Klassiker hatten wir nicht gelesen - unser Lehrmeister war das Leben.«

Die Anarchisten stellten vor allem die gesellschaftspolitischen Realitäten des sozialistischen Polens in Frage, das Ziel war eine selbstverwaltete und freie Gesellschaft. Ihre Versammlungen und Demonstrationen wurden regelmäßig von der Miliz auseinandergetrieben. In Volkspolen erwarben die Anarchisten durch die Systemkritik die Sympathie der antikommunistischen Opposition und unterstützten diese im Gegenzug. Als dieses System mit der Wende verschwand, blieben die Anarchisten weiterhin konsequent in scharfer Opposition zu einem dominierenden Staat, was sie von der demokratischen Opposition wiederum weit entfernte.

Aus dem Versuch, in ganz Polen mittlerweile verstreute anarchistische Gruppen unter einem Namen zu versammeln, entstand 1989 die Federacja Anarchistyczna. Die FA ist dezentral organisiert und in Sektionen unterteilt, die relativ unabhängig voneinander agieren. Zwar gibt es ein gesamtpolnisches Büro, aber keine übergeordnete Zentrale, in der die Fäden zusammenlaufen könnten. Auch wenn des öfteren gesamtpolnische Aktionen, wie eine Kampagne gegen Wohnungsräumungen bei Leuten, die ihre Miete nicht bezahlen können, ausgerufen werden, bleibt die konkrete Ausgestaltung der Thematik größtenteils den einzelnen Sektionen überlassen. Der vergleichsweise geringe Organisationsgrad bringt es mit sich, daß die Effektivität der jeweiligen Sektionen in hohem Maße vom Engagement Einzelner abhängt. Poznan gilt dabei in der Branche als sehr effektiv und wird von anderen Sektionen regelrecht als Autorität betrachtet. Von allen alternativen Gruppierungen in Poznan ist die FA am sichtbarsten durch ihre Aktionen, Demonstrationen, Plakate und Graffitis. Die Ziele der Poznaner Sektion der FA beschrieb einer meiner Interviewpartner wie folgt:

Das erste Ziel ist es, eine Art anarchistisches Zentrum in Poznan zu schaffen. Zweitens überhaupt die Entwicklung anarchistischer und freiheitlicher Ideen, mit Unterstützung der lokalen Gesellschaft. Vor allem haben wir uns auf Propaganda festgelegt, d.h. wir wollen ein Bewußtsein herstellen, und das versuchen wir durch verschiedene Handlungsformen, Verlage, Flugblätter, Straßenzeitungen usw. Eine andere Sache ist die Schaffung überhaupt eines alternativen Milieus und einer alternativen Welt. Das wäre u.a. Häuserbesetzen, das wäre die Anarchistische Bibliothek hier, das sind Parties, Vorträge, unter anderem interessieren sich Leute hier für alternative Erziehung, also außerhalb des Systems, also geht es um die Schaffung einer sehr breit verstandenen Alternative. Und das Hauptziel, sagen wir mal, das erreichen wir mit kleinen Schritten. Das Hauptziel ist es, hier, lokal, eine solche Atmosphäre zum Leben zu schaffen, nicht nur für uns Anarchisten, sondern umfassend, daß es wirkliche Selbstverwaltung gibt, nicht politisch, nicht parteilich, sondern eine Selbstverwaltung, die Einfluß auf das Leben haben wird, auf jeder Straße. Das ist das Ziel, das irgendwo in der Ferne liegt. Und Freiheit, Freiheit des Einzelnen, Schaffensfreiheit, die Freiheit, sich selbst zu organisieren, ob das am Arbeitsplatz ist oder in verschiedenen Gruppen, die einfach etwas machen wollen. Vor allem wollen wir Leute überzeugen, damit sie selbst denken, und damit ihnen das bewußt wird, damit sie sich bewußt organisieren und bewußt kämpfen. Um ihre Angelegenheiten.

Das Engagement der FA ist umfassend und weitreichend, von ihren Aktivitäten seien nur die augenfälligsten genannt: Anarchistyczny Czarny Krzyz ACK [Anarchistisches Schwarzes Kreuz], Inicjatywa Pracownicza [Arbeiterinitiative in Zusammenarbeit mit Gewerkschaften], die regelmäßig zu aktuellen Themen an die Bevölkerung verteilte Straßenzeitung TEJ, die Zeitschriften Czarny Pomidor [Schwarze Tomate] und Uczen i uczennica [Schüler und Schülerin], das Artzine »Szelest« [Rascheln] sowie der Verlag Oficyna Wydalnicza Bractwa Trojka.

Es darf der FA auf der ideologischen Ebene nicht unterstellt werden, sie zielte blindlings und ohne Sinn und Zweck auf die Zerstörung sämtlicher staatlicher Strukturen ab. Es geht ihnen nach eigener Aussage vielmehr um die Bekämpfung all dessen, was sich mit der repressiven Seite des Staates verbindet, aus ihr resultiert und damit die Herausbildung einer freiheitlichen Gesellschaft erschwert. Die FA weist es weit von sich, sich innerhalb des politischen Systems einordnen zu lassen; sie folgt dem Leitspruch »weder rechts, noch links - frei!«

Nun möchte ich den Rahmen noch weiter fassen, innerhalb dessen sich polnische Alternativkultur bewegt und ihr Handeln und ihre Spezifik im Unterschied zu Westeuropa erst verständlich werden. Allgemein gefaßt läßt sich dieser Rahmen in der Kategorie der »Freiheit« zusammenfassen, wobei »Freiheit« in Polen als ein jahrhundertelang gültiges Leitmotiv gesehen werden kann, das sowohl im individuellen wie öffentlichen Bereich zentral ist. Im Mittelpunkt steht dabei die Ablehnung jeglicher Form von Fremdbestimmung. Dabei spielt die Haltung der Polen gegenüber dem Staat eine wichtige Rolle, die unerläßlich zum Verständnis polnischer Alternativkultur ist. Ein Blick in die Geschichte bleibt hier nicht erspart. Zwei historische Hintergründe sind von besonderer Bedeutung: die Adelsrepublik und die Vorstellung von Polen als Christus unter den Völkern, das sog. Romantische Paradigma.

Adelsrepublik

Die Adelsrepublik entstand 1386 als ursprünglich lockerer Staatsverbund zwischen dem Königreich Polen und dem Großfürstentum Litauen. Mit der Union von Lublin 1569 entstand die Rzeczpospolita, und damit begann das »Goldene Zeitalter« der mittlerweile zur Großmacht aufgestiegenen Adelsrepublik. Der Adel machte rein zahlenmäßig 8-10% der Bevölkerung aus, sämtliche nationalen Minderheiten mitgezählt. Unter den Polen war jeder Sechste adliger Herkunft, alles in allem demnach kein allzu exklusiver Stand. Der Adel, die Szlachta, bestand zum größten Teil aus verbäuerlichtem Kleinadel, der die Macht des reichen Adels und des Königs nach dem Prinzip »Nichts über uns ohne uns« zu beschränken suchte. Eine weitere Leitparole war das etwas paradoxe »Nierzadem Polska Stoi« [Polen steht durch Nicht-Regierung], womit der tiefe Glaube an individuelle Freiheiten zum Ausdruck gebracht werden sollte.

Das politische System der Adelsrepublik basierte auf dem Prinzip der Gewährung aller Bürgerrechte für den gesamten Adelsstand, der Vermeidung extremer Lösungen, dem Streben nach Kompromiß und der Toleranz für Andersgläubige. Sicherlich fanden diese Grundsätze nicht allumfassende Anwendung, und ebenso kritikwürdig ist, daß die Bürgerrechte alleinig auf den Adelsstand beschränkt wurden, der sich Bürgern und Bauern gegenüber auch nicht immer vornehm verhielt. Jedoch wirken die Prinzipien der Adelsrepublik um so erstaunlicher, führt man sich vor Augen, was im Rest von Europa vor sich ging: Kolonialismus, Absolutismus, Hexenverbrennung und Religionskriege, deren Opfer häufig Aufnahme in Polen fanden.

Die erste polnische Verfassung vom 3. Mai 1791 war in hohem Maße von den Grundsätzen der Rzeczpospolita geprägt und setzte sich explizit von anderen Systemen ab. Die polnischen Romantiker schöpften aus dieser Verfassungstradition und propagierten in weit höherem Maße als ihre Pendants in anderen europäischen Ländern, gerade angesichts der steten Bedrohung der polnischen Staatlichkeit, die Idee der Bürgerfreiheit.

Die zweite, eher kulturell als politisch wirkende Dimension der Adelsrepublik liegt in ihrer Verkörperung durch den Adligen selbst, den »Sarmaten«, begründet: Der echte Sarmate lebte auf dem Lande in der Familie, in patriarchalischen Verhältnissen. Den Marmorpalästen wurden einfache Herrenhäuser aus Lärchenholz vorgezogen, in denen man zwar bescheiden, aber gut, tugendhaft, in Harmonie mit der Natur und ritterlich lebte. Der Ehrenkodex der Szlachta sah vor, daß die verheiratete Adelsdame als »Freie« die gleichen Rechte und Privilegien genoß wie ihr Mann, und daß ihr gleichzeitig mit äußerster Hochschätzung zu begegnen war. Diese Merkmale wurden über die Jahre und Jahrhunderte hinweg insbesondere von den Romantikern und im folgenden der Intelligenz des 19. Jahrhunderts zum allgemeinen kulturellen Gut stilisiert und lassen sich nicht auf eine Schicht reduzieren. Insbesondere die kulturelle Dimension der Szlachta wird in der Erinnerung stark idealisiert, es wird ihr ein Hauch von Bohème verliehen.

Die Adelsrepublik legte nicht nur historisch die Grundlagen für die polnischen Vorstellungen von Staatlichkeit. Ihr Einfluß geht im kollektiven Gedächtnis über ihre Bedeutung für die polnische politische und Ideengeschichte hinaus. Häufig scheint es, als würde etwas wehmütig das stark vereinfachte Bild einer Epoche gezeichnet, wo die Welt noch in Ordnung war, und hätten die benachbarten Mächte davon abgesehen, Polen dauernd als Durchmarschgebiet oder Lebensraum zu mißbrauchen, so hätte die polnische Nation auf geradem Wege das Ideal einer freien und gerechten Gesellschaft verwirklichen können.

Bei der Betrachtung der grundlegenden Prinzipien der Adelsrepublik und der ausdrücklichen Betonung der individuellen Freiheit verwundert es nicht, daß sich bei freiheitlich orientierten polnischen Alternativkulturen eine starke Affinität zur Beschäftigung mit der Thematik feststellen läßt.

Romantisches Paradigma

Wie schon angedeutet, befand sich Polen lange Zeit in einer geopolitisch gesehen denkbar ungünstige Lage. Eingezwängt zwischen Rußland, dem Deutschen Reich und der Habsburgmonarchie erscheint es fast erstaunlich, daß Polen samt Sprache und Kultur nicht irgendwann völlig unterging, obwohl gerade Preußen und Rußland alles daran setzten, die polnische Kultur und die polnischen Institutionen systematisch zu zerstören. Der Verlust der Unabhängigkeit im 18. Jahrhundert, die drei Teilungen 1772, 1793, 1795 und das zeitweilige völlige Verschwinden Polens von der politischen Weltkarte sind bis heute im kollektiven Gedächtnis verhaftet.

Bedingt durch die Besatzung, spielte sich polnische Politik zumeist im Exil oder im Untergrund ab, was nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat, denn die moderne polnische Nationalkultur hat sich überwiegend in Institutionen entwickelt, die einen nichtsstaatlichen und oft illegalen Charakter hatten. So wird häufig behauptet, es sei auf die Zeit der Teilungen zurückzuführen, daß die Polen ein Volk mit tief verwurzelten antistaatlichen Denktraditionen seien; schließlich hätte ein »diszipliniertes« und »gründliches« Verhalten der Besatzungsmacht gegenüber die Niederlage des »Polentums« nach sich gezogen.

Die wirkungsvolle Umsetzung des nationalen Kampfes fand sich nicht in der Politik, sondern in Kunst und Literatur. Besonders Dichter wie Adam Mickiewicz [1798-1855], der immer wieder an die Tradition des polnischen Republikanismus der alten Rzeczpospolita szlachecka anknüpfte, widmeten sich ausgiebig dem polnischen Messianismus, verbunden mit einem außerordentlichen starken Nationalismus: Polen sei der Christus der Völker, der stellvertretend für alle leide, schlußendlich jedoch erlöst werde. Die herausragende Rolle der polnischen Nation kann allerdings, aufgrund des Nichtvorhandenseins des polnischen Staates, nicht mit gewöhnlichen Erfolgskriterien, wie einem starken Staat oder einer effektiven Wirtschaft, gemessen werden.

Wichtigstes Kriterium ist hier vielmehr das messianische Opfer, die beständige Erfolglosigkeit und Opferbereitschaft, was im Rahmen des romantischen Denkmusters zur Tugend stilisiert wurde. Polen ist zwar nicht militärischer, dafür aber moralischer Sieger.

Zwei Punkte sind zentral innerhalb des romantischen Paradigmas. Zum einen müsse es das politische Ziel sein, die »Befreiung« von Fremdherrschaft herbeizuführen und die Unterdrückung von außen abzuschütteln, was gleichzeitig alle weniger wichtigen Probleme mit einem Schlag lösen würde. Die Quelle des Übels befindet sich also nicht innerhalb der polnischen Nation, sondern liegt in der Unterdrückung von außen begründet. Zum anderen ist es die Vorstellung von der polnischen Gesellschaft als ewiger und monolithischer »we-community of good people«, die, dereinst befreit, das Ideal einer freien und gerechten Gesellschaft realisieren würde. Das Romantische Paradigma ist nicht nur Ausblick auf eine Zukunft und Umsetzung der konkreten Erfahrungen unter Besatzung, sondern speist sich auch aus der idealisierten kollektiven Erinnerung an die Adelsrepublik.

Gesellschaft vs. Staat

Der Staat wurde seit dem Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Wende 1989 fast durchgängig als »Instrument von Besatzungsmächten« und Fremdkörper empfunden, der mit der polnischen Gesellschaft nichts gemein habe. Diese Wahrnehmung manifestierte sich in dem demonstrativen Gegensatz von »My i Oni«, von »Uns und den Anderen.« »My-Wir«, das ist die polnische Gesellschaft, die im staatenlosen Polen der Teilungszeit zum Träger der nationalen Kontinuität wurde, und deren oberstes Ziel die Befreiung von äußerer Unterdrückung sein mußte. Der Begriff »Gesellschaft« erwarb dabei enorme politische Bedeutung, und diesem Gesellschaftsbegriff entsprach ein streng definiertes Staatsverständnis [»Oni«], das der Gesellschaft diametral entgegengesetzt war. Die wohl radikalste Formulierung dieses Gesellschaftsbegriffes findet sich um die Jahrhundertwende bei dem Sozialisten Edward Abramowski. Er hielt den Staat als solchen für gänzlich entbehrlich und wollte ihn durch autonom selbstverwaltete gesellschaftliche Organisationen ersetzt sehen.

Den Staat kann man nur mit Hilfe von Vereinigungen eliminieren. Man zerstört ihn nur, indem man die Wurzeln, aus denen heraus er wächst, durchschneidet, d.h. indem man das Bindeglied zwischen den Bedürfnissen der Menschen und den Institutionen des Staates zerreißt. Ein Staat, der in der Praxis unnötig wird, der für die persönlichen Interessen des Menschen immer entbehrlicher zu sein beginnt, der auf den Aufgabenfeldern Wirtschaft, Kultur, Verteidigung und Gerechtigkeit, Gesundheit und Bildung von Vereinigungen verdrängt wurde, ein solcher Staat muß sterben. Deshalb ist auch die Bildung irgendwelcher Vereinigungen, auch wenn sie keinerlei revolutionäre Ziele haben, sondern nur gesellschaftliche nützliche Aufgaben erfüllen, in sich selbst ein höchst umstürzlerisches und für die Revolution bedeutendes Faktum, als Bresche in den Staat, als Schwächung seiner Lebenskraft an den Wurzeln selbst. Vereinigungen, wenn sie wirklich demokratisch funktionieren, haben jedoch eine doppelte revolutionäre Funktion: sie vertreiben nicht nur die Staatlichkeit aus dem menschlichen Leben, sondern sie entwickeln auch die Menschen selbst, und zwar dadurch, daß sie Selbständigkeit im Erledigen der eigenen Angelegenheiten lehren, persönliche Initiative und Energie herausbilden, dazu auch freiwillige Solidarität und Wertschätzung des Menschen als des bewußten Schöpfers von etwas Neuem. [Aus »Zagadnienia socjalizmu«, 1899]

Obwohl viele seiner Zeitgenossen seine Lehre für äußerst utopisch hielten, haben die Konzepte des in Deutschland nahezu unbekannten Abramowski einen bis heute anhaltenden Einfluß auf das politische Denken in Polen, der sich nicht allein auf den akademischen Bereich beschränkt. Auch die Anarchisten der FA beziehen sich bei ihrer Gesellschaftskonzeption explizit auf den »Sozialismus ohne Staat« Abramowskis, wenn sie auch aufgrund der jüngeren Geschichte den Begriff »Sozialismus« lieber vermeiden, und sie widmeten ihm die Anarchistische Bibliothek auf Rozbrat. Abramowskis Gesellschaftsbegriff entspringt einem bestimmten Verständnis von Staat, das untrennbar verbunden ist mit der spezifischen politischen Konstellation der Teilung und Besatzung Polens, deren Ergebnis eben die grundsätzliche Dichotomie zwischen Gesellschaft und Staat, zwischen »My« und »Oni« ist.

Im Staatssozialismus erfuhr dieser traditionelle Gesellschaftsbegriff zwar eine Renaissance, mit der “My i Oni«-Dichotomie, wie sie sich insbesondere gegen Ende der 1970er Jahre im Sprachgebrauch verfestigte, verbinden sich jedoch keine klar umrissenen sozialen Identitätszuschreibungen; vielmehr reflektiert sie die Kluft zwischen der ›Welt der Menschen‹ und der ›Welt der politischen Institutionen‹.

Es wurde bereits erwähnt, daß sich nach der Wende an dieser Einstellung relativ wenig geändert hat. In Anbetracht der wirtschaftlichen Lage wird insbesondere den politischen Eliten durchgängig mit ausgesprochenem Mißtrauen begegnet, und auch die Kirche hat viel an Integrationskraft eingebüßt. Das weitverbreitete Gefühl, von vorne bis hinten belogen zu werden, führt zum Fortleben der Gegenüberstellung von My i Oni, von Gesellschaft und Staat, und genau an dieser Stelle geht ein kollektives Muster mit der Alternativkultur eine äußerst vitale Verbindung ein. Dies stellt polnische Alternativkultur bei weitem nicht abseits der Gesellschaft, sondern ist der auf die Spitze getriebene Ausdruck einer weitverbreiteten Empfindung.

Schluß

Ein Verständnis polnischer Alternativ- und Gegenkultur kann m.E. nicht erfolgen, ohne sich über diesen Hintergrund im Klaren zu sein. Ich möchte das Gesagte nochmals zusammenfassen:

Die postsozialistische Transformation hat in weiten Teilen der Bevölkerung für Verunsicherung gesorgt. Das alte System war zwar ungeliebt, jedoch zumindest vertraut und berechenbar. Die Zukunftsaussichten waren nicht gerade rosig, aber wenigstens gab es sie. Mit der politischen Wende 1989 haben sich allerdings nicht, wie erhofft, alle Probleme mit einem Schlag in Luft aufgelöst. Die Situation stellt sich inzwischen lediglich grundlegend verändert dar. Die romantische Prophezeiung hat sich nicht erfüllt. Zwar sind einige Probleme mit der Wende verschwunden, doch andere sind geblieben, und manche, wie Arbeitslosigkeit, Anstieg der Kriminalität und Armut, sind neu und häufig unerwartet hinzugekommen. Was dagegen gänzlich verschwunden ist, ist die Unterdrückung durch eine konkrete äußere Besatzungsmacht. Das gemeinsame Feindbild, der klar definierte Schuldige ist verschwunden, und Marktwirtschaft und Globalisierung erweisen sich als diffuser und äußerst schwer zu fassender Feind. Während ein Großteil der Gesellschaft angesichts dieser wenig rosigen Aussichten seine Aktivitäten so weit wie möglich auf den privaten Raum beschränkt und materialistische Werte in den Vordergrund stellt, verweigert sich die Alternativkultur nicht nur diesem Rückzug, sondern drückt ihre Unzufriedenheit und Unsicherheit offensiv aus, indem sie den Angriff nach vorne wagt.

Es ist deshalb keineswegs überraschend, daß der Anarchismus nicht nur als politische Idee, sondern vor allem in seiner Funktion als freiheitliche Alternativkultur eine dominante Stellung unter den politisierten Bewegungen Polens einnimmt. Selbst die Interviewpartner, die sich nicht als Anarchisten bezeichnen und in keiner Bewegung engagiert sind, legen sehr hohen Wert auf individuelle Freiheit und zeigen eine extreme Ablehnung von Machtbeziehungen. Dazu gehören die Weigerung, sich von jemandem vorschreiben zu lassen, was man zu tun hat, die Ablehnung hierarchischer Strukturen und die Nichtbeachtung kirchlicher oder politischer Autoritäten. Es ist nicht allein mit der Erfahrung des Staatssozialismus und einer daraus resultierenden Ablehnung sozialistischer oder kommunistischer Gruppen zu erklären, daß der Anarchismus eine weit größere Anziehungskraft ausübt als es beispielsweise für sozialistische und linksradikale Gruppierungen der Fall ist. Vielmehr läßt sich die große Beliebtheit, derer sich der Anarchismus in Polen nicht erst seit der Wende erfreut, vor dem Hintergrund des Romantischen Paradigmas deuten. Die, so scheint es, logische Konsequenz des Zusammenspiels des im kollektiven Gedächtnis tief verwurzelten Freiheitswillens, zusammengedacht mit der weitverbreiteten Resignation und der Unzufriedenheit mit den politischen Eliten, scheint die Hinwendung zum Anarchismus zu sein. Denkt man das Romantische Paradigma zu Ende, so ist der Anarchismus als totale Befreiung des polnischen Volkes zwar vielleicht eine extreme, aber eine durchaus nachvollziehbare Schlußfolgerung.

Nicht zu vernachlässigen ist dabei der subkulturelle Hintergrund, der einen Großteil der Teilnehmer neben der Thematik anzieht. Nicht nur in Deutschland hat der Begriff der Anarchie einen Beigeschmack des prinzipiellen, sich gegen sämtliche Institutionen auflehnenden und in Großbuchstaben geschriebenen DAGEGEN.

Die spezifische Ausprägung polnischer politisierter Alternativkultur wäre ohne die gesellschaftspolitischen und historischen Umstände Polens nicht zu denken. Auf diese Weise erscheint sie nicht als ghettoisiertes Rückzugsgebiet frustrierter Wendeverlierer, sondern erfüllt eine emanzipatorische Funktion für den Umgang mit politischen und sozialen Realitäten. Es handelt sich nicht nur um die nostalgische Wiederholung alter Parolen, sondern dahinter gehört eine den sozialen und politischen Verhältnissen angepaßte Praxis, die nur Erfolg haben kann, wenn sie von der Gesellschaft angenommen wird.

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