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Rezension – Michael Bakunin: Ausgewählte Schriften. Band 1 und 2

Michael Bakunin: Ausgewählte Schriften. Hrsg. von Wolfgang Eckhardt. Band 1: Gott und der Staat (1871). Einleitung Paul Avrich. Band 2: »Barrikadenwetter« und »Revolutionshimmel« (1849). Artikel in der ›Dresdner Zeitung‹. Einleitung Boris Nikolaevskij. Karin Kramer Verlag, Berlin 1995.

Rezensent: Thorsten Hinz

Erschienen in: graswurzelrevolution, Nr. 207, April 1996.

 

Band 1: Gott und der StaatBand 2: »Barrikadenwetter« und »Revolutionshimmel«

Bakunin: Anarchistische Geschichte und Zukunft!

Die »Ausgewählten Schriften« Bakunins. Eine neue Reihe im Karin Kramer Verlag. Buchbesprechung

Daß Anarchie eine Ordnung ohne Herrschaft meint, wissen Anarchisten. Wie allerdings diese Vision der Herrschaftslosigkeit in anarchistischen Wegen zum Tragen kommen kann und wie sie genau aussieht – darüber wird bis heute gestritten. Ein Ideenreservoir dieser »anarchischen Essenz« bleibt aber zu Unrecht häufig ungenutzt: die libertäre Geschichte.

Die neuerschienenen »Ausgewählten Schriften« Michael Bakunins (geplant sind 12 Bände, Band I und II sind gerade im Berliner Karin Kramer Verlag herausgekommen) eröffnen einen doppelten Zugang zu anarchistischen Traditionen: einerseits, wie ich es nennen will, einen emotional-politischen, andererseits einen methodischen Zugang. Der erste Weg ist gekennzeichnet durch die Gestalt Michael Bakunin (1814-1876), dieser steht für Thema und Inhalt, der zweite durch Max Nettlau (1865-1944), jener steht für Form bzw. Konzeption. Sowohl Bakunin als auch Nettlau gehören zu den Wegbereitern anarchistischen Lebens und Denkens. Die Gegensätzlichkeiten zwischen ihnen könnten nicht grundsätzlicher sein und sind vielleicht gerade deshalb nur vermeintlich. In gewisser Weise bedeuten diese zwei die beiden Pole der Anarchie – die Tat und die Besonnenheit. Bakunin, der sein Leben dem Kampf um Gerechtigkeit, um Freiheit und um Mündigkeit verschrieben hatte, der gegen jegliche Herrschaft rebellierte und der vor allem als Zeitgenosse von Marx und Engels gegen deren bürokratischen, lebensfernen Sozialismus Stellung bezog, wo er es vermochte. Auf der anderen Seite Max Nettlau, der anarchistische Wissenschaftler, der »Herodot der Anarchie« (Rudolf Rocker); ein Beobachter, der mit äußerster Sorgfalt freiheitliche Ideen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufzuzeigen versuchte und mit seiner »Geschichte der Anarchie« ein Standardwerk verfaßte. Hier finden zwei anarchistische Lebensformen ihren stärksten Ausdruck.

Um die Art der gemachten Polarisierung zu verdeutlichen, noch zwei Sätze von Adam Kuper: »Sicherlich kann jede These in einer kräftigen oder milden Form formuliert werden. üblicherweise ist sie in ihrer kräftigen Form interessant, aber in der Regel verfälschend, ihrer milden Form eher gültig, aber manchmal nicht akzentuiert genug.« (übersetzt aus: A. Kuper, Post-Modernism, Cambridge and the great Kalahari debate, in: Social Anthropology, 1/1A, Cambridge 1993, S. 57-71). Das will heißen, daß Bakunin keineswegs nur Handelnder war, er war es hauptsächlich; nichtsdestoweniger war er ein Denker, für den keine Praxis ohne Besonnenheit Gültigkeit hätte erlangen können. Umgekehrt war Nettlau selbstverständlich nicht nur ein Lehnstuhlanarchist. Es sei an dessen Engagement in der englischen »Socialist League« erinnert, für die er unter anderem 1889 in Paris am Gründungskongreß der Zweiten Internationale teilnahm.

Mit einem Wort: Auf beiden hier skizzierten Wegen ist Anarchie zu finden. Und hiermit sind auch die beiden Fundamente benannt, von denen die neue Bakunin-Werkausgabe ausgeht. Deren eine Funktion ist sicherlich politisch, d.h. es wird versucht, anarchistische Lebensgefühle von einst heute nachempfindbar zu machen. Gerade Bakunins unbändiger Freiheitswille steht dabei im Mittelpunkt. Über das Aktualisieren von Lebensgefühlen hinaus wird natürlich auch Bakunins Anarchie-Konzept als solches einer heutigen Debatte angeboten und verfügbar gemacht. Hier wird deutlich, daß Bakunin nicht nur ein Teil der anarchischen Essenz ist, sondern vielmehr eine Notwendigkeit derselben zeitlos verkörpert. Es ließe sich eine Assoziation zur »dreamtime« der australischen Aborigines herstellen. In der Ritualisierung dieser »Traumzeit« werden von den Teilnehmern Sinn- und Formgebungen des Lebens aus Vergangenheitszeiten (Ahnenzeit) in die Jetztzeit transportiert. Kulturheroen werden dabei in ihrem Handeln für die Gegenwart exemplarisch. Wer nun allerdings Bakunin als anarchistischen Heros bzw. als anarchistisches Totem belächeln will, übersieht den zentralen Punkt des Gedankens: Aborigines »träumen«, um zu leben, d.h. es ist ihnen der Glaube inne, daß ohne Vergangenheit kein Leben möglich ist. Bakunin ist hierbei natürlich nur eine historische Landmarke; Anarchie kann auf unzähligen weiteren libertären Spuren gesucht und gefunden werden. Was dem einen Bakunin ist, ist dem anderen Gustav Landauer oder wieder anderen Buenaventura Durruti. Warum nicht auch libertäres Gedanken- und Tatengut via eines Diogenes von Sinope (404-323) vergegenwärtigen? Anarchie in diesem Sinne bedeutet, daß die Beziehungen zwischen anarchistischen Wegbereitern und heutigen Libertären mit Phantasie, Zähigkeit und Besonnenheit gesucht werden müssen.

Das Wort »Besonnenheit« erinnert daran, daß die historische Annäherung einerseits inhaltlich geschehen muß – ich nannte es emotional-politisch - andererseits aber auch methodisch. Für die Bakunin-Werkausgabe, von der nun die ersten beiden Bände vorliegen, kann das Zusammenführen beider Elemente als Verdienst des Herausgebers Wolfgang Eckhardt bezeichnet werden, der sich für diese Arbeit unter anderem mit einer Bakunin-Bibliographie (Libertad Verlag, Berlin/Köln 1994) qualifizierte. Es ist offensichtlich Nettlaus Sorgfalt und Perspektive, die Eckhardt fasziniert haben, und die ihm selbst Anspruch und Ansporn sind. Anarchistische Tradition kann demnach nur dann authentisch vergegenwärtigt werden, wenn sie in ihrer Vielschichtigkeit, in ihren Problemlagen und in ihren Diskurs- bzw. Machtzusammenhängen dargestellt wird und wenn sie aktuell bleibt. Unter Vorbehalten ließe sich behaupten, daß Eckhardt die von Nettlau ja bereits geleistete Bakunin-Betrachtung vertieft, gar auf weitere Wege führt (wie Eckhardt Nettlau würdigt, zeigt sich bereits in Band I der »Ausgewählten Schriften«, S. 124-137, wo er die Nettlausche Einleitung zu »Gott und der Staat« von 1919 zum erneuten Abdruck bringt).

Die gerade erschienenen ersten beiden Bände der »Ausgewählten Schriften« bilden tatsächlich eine Grundlage für eine anarchistische Vergangenheitsaktualisierung in dem eben skizzierten Sinne. Bescheiden gesprochen, mag es in den »Ausgewählten Schriften« um eine Publikation verschiedenster Bakunin-Ideen gehen; dieselben finden sich eingebettet in z.T. erstmals vorgelegten deutschen Übersetzungen wichtiger Bakunin-Sekundärliteratur (als Einleitung oder im Anhang jedes Bandes). Letztlich geht es aber um mehr: um den Versuch, Theorie und Praxis miteinander zu verschmelzen. Dieser zentrale Anspruch allen politischen Handelns geht allerdings gerade dann verloren – und das weiß Eckhardt – wenn jemand ein solches von seinem oder ihrem Tun behauptet. Der französische Philosoph Michel Foucault wählte die Maske der Anonymität. Wolfgang Eckhardt wählt die Bescheidenheit und läßt mit seinem Nettlauschen Konzept Bakunin sprechen und zwar so sprechen, daß die Lesenden an der äußerst praktischen Theorie aus Sehnsucht knabbern dürften. Eine Bakuninsche Kostprobe: »Die Freiheit des Menschen besteht einzig darin, daß er den Naturgesetzen gehorcht, weil er sie selbst als solche erkannt hat und nicht, weil sie ihm von außen her von irgend einem fremden Willen, sei er göttlich oder menschlich, kollektiv oder individuell, auferlegt sind« (Band I, S. 56). Um den Bogen zu schlagen: Anarchie geschieht demgemäß nicht nur auf der Straße, im Kampf, im Trikont, im Bett oder sonstwo, sondern Anarchie geschieht genauso im Betrachten von Geschichte. Das Inhaltliche kann auch für Anarchisten ohne Form nicht gewagt werden (auch das Formlose ist eine Form). Im Umgang mit der sogenannten Klassik der Anarchie mag das heißen, daß Namen wie Bakunin, Rocker, Malatesta, Ferrer usf. nicht einfach locker auf den Lippen herumtanzen sollten; vielmehr sollte sich darum bemüht werden, daß die Hintergründe, Lebensumstände und Ausgangspunkte jener so klar als möglich im Bewußtsein virulent bleiben. Die »Ausgewählten Schriften« zeigen eindrücklich, daß solcherlei im anarchistischen Umgang mit der Vergangenheit möglich ist. Denn Erinnerung braucht bei aller Spontaneität auch Sorgfalt: Nur wer die Geschichte genau kennt, kann ihr eine andere Wendung geben.

Thorsten Hinz

 

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