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Rezension von Linow: Anarchismus. Aufsätze. Schriften des Libertären Forums Berlin, Band 2.

Fritz Linow Anarchismsus

Fritz Linow: Anarchismus. Aufsätze

Oppo-Verlag, Berlin 1991.

Rezensent: Wolfgang Eckhardt

Erschienen in: Schwarzer Faden, Nr. 1/1992.

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Fritz Linow: Anarchismus

Neuerscheinungen, die den Anarchismus für die Gegenwart nutzbar machen wollen, sind rar. Eine interessante Ausnahme von dieser Regel ist der soeben in der Reihe Schriften des Libertären Forums Berlin erschienene Band Fritz Linow: Anarchismus. Aufsätze [Berlin 1991, 64 S.]. Fritz Linow [1900-1965] - selbst in libertären Kreisen heute ein Unbekannter - gehörte zu den Exponenten des Nachkriegsanarchismus in Deutschland. Unter anderem als leitender Redakteur der libertär-sozialistischen Zeitschrift »Die Freie Gesellschaft« [1949-1953] gab er Anstöße zu einer Neudefinition und schöpferischen Revision der libertären Theorie, die bis heute nicht weiterentwickelt wurden. Dazu ist jetzt Gelegenheit: Der Band enthält neun Aufsätze von Linow aus den Jahren 1949-1952 und ein Nachwort von Hans Jürgen Degen, das einen guten Rahmen zum Verständnis der Texte schafft.

Für Linow bot das im traditionellen Anarchismus angelegte Anrennen gegen jeden Staat im Deutschland der Nachkriegszeit so keine Perspektive mehr. Um seinem Ideal näher zu kommen, könne der Anarchismus heute nur noch pragmatisch vorgehen:
»[...] er muß für die Freiheit im Sinne ihrer tatsächlichen Wirksamkeit nach Ausdrucksformen suchen und sie entwickeln. Die Demokratie ist eine solche Ausdrucksform [...] Aber so wie wir sie kennen, entspricht sie den Anforderungen, die an sie zu stellen sind, nicht.« [S. 56].
Der Kampf für eine echte Demokratie ist es also, worin der Anarchismus heute seine Hauptaufgabe zu suchen habe, nicht die traditionell-abstrakte Forderung nach Liquidation des Staates. Die bürgerliche Demokratie etwa biete - im Gegensatz zu den erlebten Konsequenzen von Faschismus und Stalinismus - gewisse Freiräume, die eine politische Einflußnahme der Öffentlichkeit zumindest im Ansatz zulassen. Diese Spielräume zu nutzen, um
»mehr Freiheit und weniger Regierung [...] mehr Selbstverwaltung und weniger Staat [...] mehr Dezentralisation und echten Föderalismus und weniger bürokratische Totalität [...]« [S. 43 f.]
durchzusetzen, wäre nach Linow allein eine zeitgemäße Strategie. Zu den natürlichen Bündnispartnern eines zeitgenössischen Anarchismus zählen daher alle sozialen Bewegungen, die für eine Vertiefung der Demokratie und mehr Gesellschaft [d. h. weniger Staat] eintreten:
»[...] der freiheitliche Sozialismus hat die Aufgabe, solche Bestrebungen zu ermutigen, denn sie sind ein Teil seiner selbst, weil sie zur Restrukturierung der Gesellschaft beitragen. Der Sozialismus ist Gesellschaftsordnung nicht Staatsform und sein Ziel ist [...] die Gesellschaft wiederherzustellen. Aber dieses Ziel ist nur erreichbar, wenn alle Gesellschaftsfunktionen erhalten bleiben, wenn die Einrichtungen, in denen sich die Gesellschaft Ausdruck verschafft, verteidigt, und wo sie verloren gegangen sind, zurückerobert werden.« [S. 57].
Ein gewaltbereiter Konfrontationskurs, der den Staat im Hau-ruck-Verfahren beseitigen will, wird den Anarchismus jedoch nach Linow auf keinen Fall vorwärtsbringen, sondern allein eine Tätigkeit, die durch Zusammenarbeit mit anderen gesellschaftlichen Gruppen eine Entwicklung zu mehr Freiheit einleitet: »Diese Kräfte der Gegenwehr zu verstärken und richtunggebend zu beeinflussen, bleibt eine vordringliche, aber leider nicht erkannte Aufgabe des Sozialismus [...] Sozialismus ist kein fertiges System, das man zu irgend einem Zeitpunkt gegen den Kapitalismus auswechseln kann. Sozialismus ist fortschreitende Vergesellschaftung [...]« [S. 58]

Linows Anspruch, sich seines anarchistischen Ziels bewußt zu bleiben, zugleich aber seine aktuelle Tätigkeit nicht an einer Utopie, sondern an den vorhandenen Möglichkeiten in der Gesellschaft auszurichten, ist einleuchtend und konstruktiv. Zugleich vermochte er mit dieser Perspektive die in Deutschland meistens schwachen freiheitlichen Kräfte handlungsfähig zu machen und ihre Bemühungen zu bündeln. Aber schon zu seiner Zeit war er scharfer Kritik traditionalistischer »Genossen« ausgesetzt, die ihm einen Verrat an der revolutionären Vision des Anarchismus vorwarfen. Ihnen antwortete er:
»Ich halte mich trotz meiner ›revisionistischen‹ und ›reformistischen‹ Einstellung nicht für den schlechtesten ›Revolutionär‹. Ich bin der Auffassung, daß nicht das Phrasengebimmel und die radikalen Redensarten den Revolutionär prägen, sondern einzig seine Haltung, seine Arbeit, sein Opfersinn.« [zitiert im Nachwort, S. 62].
Und eben das werden auch die Libertären von heute brauchen, wenn sie den Anarchismus wieder auf die Beine bringen wollen: Kein wortradikales und meist kurzatmiges Anrennen, sondern eine langfristig angelegte, gesellschaftliche Tätigkeit. Angesichts einer »Linken Szene« in Deutschland, die sich allzuoft in der Demonstration von Gewaltbereitschaft verausgabt oder aber in der Fixierung auf die Parlamente [d.h. auf den Staat] selbst zur Herrschaft neigt, wäre mehr libertäre Einflußnahme dieser Art wünschenswert.

Mit Linow drängen sich dem heutigen Anarchismus somit wichtige Fragen nach einer zeitgemäßen und zugleich vorwärtsweisenden Tätigkeit auf. Zu ihrer Beantwortung ist erfreulicherweise nun wieder Material im Buchhandel erhältlich.

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