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Artikel über die Bibliothek

Das Vermächtnis der »Freien«

160 Jahre Geschichte des Anarchismus in Berlin

von Gianluca Falanga

Fontane nannte sie die »Bande« oder die »Sieben Weisen aus dem Hippelschen Keller«. Selbst nannten sie sich die »Freien« Vor etwa 160 Jahren, in der Zeit des deutschen Vormärz, trafen sich Angehörige einer unruhigen, respektlosen Generation – unter ihnen Bruno Bauer, Max Stirner und Marie Dähnhardt – im Herzen des alten Berlins, um über Autorität und Emanzipation zu debattieren. An das freimütige Klima antiautoritärer Geselligkeit, das ihren Zusammenkünften eigen war, und an die von ihnen geprägte Tradition radikal-freiheitlichen Denkens knüpft seit 1993 die »Bibliothek der Freien« im Haus der Demokratie in Berlin-Prenzlauer Berg an. In ihren Beständen, die über 100 Jahre Geschichte des internationalen Anarchismus dokumentieren, findet auch die lokale freiheitliche Tradition – die Geschichte des Berliner Anarchismus – ihren würdigen Platz.

Anarchismus ist, entgegen allen Vorurteilen, kein Synonym für Terror oder Unordnung und auch keine Erfindung von »Chaoten« aus den 1970er Jahren. Schon 1876 drangen die ersten anarchistischen Ideen in die deutsche Arbeiterschaft ein. Noch mehr als jeder Emanzipationsdrang verlieh allerdings die Repressionshysterie des jungen deutschen Nationalstaates der anarchistischen Bewegung in Deutschland Schwung: »Je ruppiger der Staat auftritt, desto verhasster wird die Staatsidee«, formulierte um 1880 der Anarchist Johann Most diesen Zusammenhang. Nach Aufhebung des Bismarckschen Sozialistengesetzes (1878-1890) verlagerte sich das Organisationszentrum der Bewegung von England, wo Exilorganisationen entstanden waren, nach Berlin. Doch in der Reichshauptstadt kulminierte auch die staatliche Repression. Im Berliner Polizeipräsidium am Alexanderplatz wurde 1898 eine Nachrichtensammelstelle für alle deutschen Länder errichtet. Dort führte man bis 1917 das berüchtigte »Anarchisten-Album«, eine sorgfältig geführte und bebilderte Liste aller deutschen und sich im Reich aufhaltenden ausländischen Anarchisten zum Zwecke ihrer lückenlosen Überwachung. Trotz Versammlungsverboten, Hausdurchsuchungen und anderen polizeilichen Repressalien existierten in Berlin um 1900 zahlreiche anarchistische Vereinigungen. Mittelpunkt der Berliner Bewegung bildeten ihre Zeitungen, unter denen der von Gustav Landauer redigierte »Sozialist« hervorragte, gedruckt in Nachtschichten in einem Hinterhof in der Kreuzberger Wrangelstraße 135.

Kerker und Verfolgung waren nicht die einzigen traditionellen Gegner des Anarchismus. Nach dem Ersten Weltkrieg versuchte sich der radikalisierte Marxismus der 1919 gegründeten KPD als Alternative zur Sozialdemokratie zu profilieren. Der Spielraum der sich als »freiheitliche Sozialisten« verstehenden Anarchisten wurde somit, bedrängt sowohl von der staatstragenden SPD als auch von der moskauorientierten KPD, nochmals enger. Dennoch erlebte Anfang der 1920er Jahre die Bewegung des klassenkämpferischen »Anarcho-Syndikalismus« eine erste Blüte, dessen Organ »Der Syndikalist« im Jahre 1920 mit einer Spitzenauflage von 120.000 Exemplaren erschien, mehr als jemals zuvor eine Zeitschrift des »herrschaftslosen Sozialismus« in Deutschland erreicht hatte. Die anarchistischen Ideen waren aber nicht nur bei Arbeitern von Einfluß, sie inspirierten seit der Jahrhundertwende bis in die Jahre der Weimarer Republik auch das Berliner Künstlermilieu, für das zum Beispiel Erich Mühsam steht, Dichter und Herausgeber der Zeitschrift »Fanal«, der 1934 im KZ Oranienburg ermordet wurde. Der Kampf der Anarchisten gegen Hitler wird selten gewürdigt: Von allen politischen Strömungen der Weimarer Republik gingen aus der anarchistischen Bewegung prozentual am meisten Aktive in den aktiven antifaschistischen Widerstand. Im Kalten Krieg hatten es antistaatliche und freiheitliche Ideen im besetzten und geteilten Deutschland besonders schwer. Die 1947 ohne Zulassung der Alliierten gegründete »Föderation Freiheitlicher Sozialisten« hatte in West-Berlin eine ihrer Hochburgen. In der DDR wurden Anarchisten von der SED-Justiz mit äußerster Härte verfolgt. Erst durch die außerparlamentarische Opposition in West-Berlin fand der Berliner Anarchismus neue Kraft. 1977 wurde die Freie ArbeiterInnen Union (FAU), in Anknüpfung an die anarcho-syndikalistische Gewerkschaftsunion FAUD der zwanziger Jahre, erneut gegründet. Sie besteht bis heute.

Anarchistische Geschichte vergegenwärtigen und libertäres Gedankengut lebendig halten ist die doppelte Aufgabe, die sich die Bibliothek der Freien gestellt hat und die sie zu einem besonderen Anlaufpunkt für alle libertär Interessierten Berlins und Deutschlands macht. Indem sie anarchistische Publikationen und Archivalien aus allen Zeiten und in vielen Sprachen der Öffentlichkeit zugänglich macht, trägt sie zur Kenntnis anarchistischer Ideen bei, »deren Relevanz und Aktualität« – so ihre Mitglieder – »gerade in Deutschland noch immer unterschätzt wird.« Sind anarchistische Ansätze – Herrschaftslosigkeit, Selbstorganisation, Basisdemokratie – heute noch brauchbar? In Anlehnung an die einstigen Berliner Freien sehen die »neuen« Freien gerade in diesen Ansätzen wertvolle Schlüssel für individuelle Emanzipation, soziale Gerechtigkeit und eine bessere Lebensqualität.

Unter dem Pflaster liegt der Strand

Die »Bibliothek der Freien« hält anarchistisches Schriftgut bereit

von Konstanze Schmitt

Etwas versteckt befindet sich die anarchistische »Bibliothek der Freien« im zweiten Hof des Hauses der Demokratie. Nur einmal in der Woche, freitags von 18 bis 20 Uhr, öffnet die selbstverwaltete Bibliothek und macht etwa 2000 Bücher und über 10000 Zeitschriften von libertären Autorinnen, Autoren und Kollektiven sowie wissenschaftliche Publikationen zum Thema Anarchismus interessierten Lesern zugänglich.

Bakunin, Büchner, Camus, Chomsky, Durruti, Dutschke, Goldmann, Kropotkin, Landauer, Malatesta, Mühsam, Traven: Die Liste der Autoren, die die Idee des Anarchismus essentiell prägten oder ihr nahestanden, ist lang. Neben literarischen und theoretischen Einzelwerken gibt es Einführungen und Textsammlungen zum Anarchismus, sowie Literatur zu libertären Bewegungen in Deutschland, Spanien und anderen Ländern. Am liebsten möchte ich mich gleich auf eines der Sofas setzen und ad hoc ein paar Wissenslücken stopfen oder ein bißchen schmökern ­ man kann die Bücher aber auch ausleihen. Bis zu drei auf einmal dürfen sich die Besucher der Bibliothek mitnehmen, die Gebühr beträgt 2,50 Euro pro Monat bzw. 25 Euro pro Jahr. Die historischen Zeitschriften sind auf Bestellung aus dem Archiv erhältlich und in der Bibliothek einsehbar. Unter ihnen befindet sich so manche Perle, erzählt Wolfgang Eckhardt, einer der Betreiber der Bibliothek der Freien, z.B. die Ausgaben der Pariser Zeitschriften La voix du peuple und Germinal aus dem ersten und zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, Zeitschriften der International Workers of the World und diverse Publikationen aus dem spanischen Bürgerkrieg (z.B. Tierra y libertad und Acción obrera). Anarchistische deutschsprachige Zeitschriften gibt es aus allen Zeiten: Die ältesten stammen aus dem 19. Jahrhundert, wie etwa Der arme Konrad (seit 1896). Eine Fülle von Periodika aus den zwanziger Jahren sind erhältlich, darunter die Zeitschrift Fanal, die Erich Mühsam von 1926 bis 1931 herausgab, sowie aktuelle Publikationen der letzten Jahre wie direkte aktion, schwarzer faden oder wildcat.

Vor allem im Rahmen des internationalen Zeitschriftenarchivs kooperiert die Bibliothek der Freien mit befreundeten anarchistischen Bibliotheken in Europa; sie unterstützen unter anderem die größte polnische anarchistische Bibliothek in Poznán. Aus eigener Erfahrung wissen sie, wie wichtig Hilfe ist, um unabhängige Projekte ins Rollen zu bringen. »Wir verdanken einen großen Teil unseres archivarischen Bestandes der Zusammenlegung von drei Bibliotheken in Dortmund, bei dem unzählige Doubletten von historischen Zeitschriften für uns abfielen«, sagt Eckhardt.

Die Bibliothek der Freien existiert seit 1993. Träger ist ein gemeinnütziger Verein. Zuerst befand sich die unabhängige Bibliothek in einem Kreuzberger Infoladen, 1999 zog sie ins Haus der Demokratie. »Hier gefällt es uns sehr gut, die Atmosphäre ist entspannt, und das Haus ist offen für jedermann«, meint der Bibliothekar. Inzwischen gebe es auch wieder mehr Interesse für den Anarchismus: »Zum Glück!« Früher war ­ laut Eckhardt ­ die wissenschaftliche Karriere gefährdet, wenn man darüber forschte; in den letzten Jahren hat die Bibliothek mehrere Dissertationen zum Thema erwerben können.

»Uns ist es sehr wichtig, gegen Vorurteile anzugehen und den Leuten die Augen zu öffnen für den Anarchismus, der oft aus der offiziellen Geschichtsschreibung und den Biographien getilgt worden ist.« Deutschland sei im Gegensatz zu Frankreich und Italien ein sozial-libertäres Entwicklungsland ­ und »in ein Entwicklungsland gehört Entwicklung«.

Die versucht die Bibliothek zu fördern, unter anderem durch Veranstaltungen, aber auch durch eigene Bibliographien und sogenannte Findbücher zu privaten Archiven ­ z.B. einem von Rudi Dutschke. Sie erscheinen im Internet (www.bibliothekderfreien.de) und im Berliner Karin Kramer Verlag. Die »Freien« der Bibliothek sehen sich selbst in der Tradition des deutschen Vormärz und seiner radikal-freiheitlichen Haltung. Der Name bezieht sich auf die »Berliner Freien«, eine antiautoritäre Gruppe aus den 1840er Jahren, an deren Treffen z.B. Friedrich Engels und Max Stirner teilnahmen.

Quelle: Scheinschlag. Berliner Stadtzeitung, Nr. 8, 2005

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